Sport : Spielplanchaos im Fußball: Der Sonnabend soll wieder heilig werden

Andre Görke

Der Regen prasselt auf die Windschutzscheibe, der Fanschal weht durch die Nacht. Es ist Sonntag, die Fahrt dauert noch Stunden. An jedem Wochenende geht das so. Und alles für 90 Minuten Fußball live im Stadion. Spaß macht diese Tortur den meisten Fans schon lange nicht mehr. Doch sie haben keine Wahl: Seitdem die Fernsehsender immense Geldsummen auf die Konten der Bundesligavereine überweisen, wollen sie bei den Spielterminen ein entscheidendes Wort mitreden. Die Spielpläne werden dadurch bis ins Unerträgliche verzerrt. Zumindest sehen das die treuesten Anhänger so. Für dieses Wochenende haben sie daher in allen Bundesligastadien zum bundesweiten Fanprotest aufgerufen. Der Sonnabendnachmittag soll wieder heilig sein.

"Wir wehren uns massiv gegen diese TV-Pläne von Leo Kirch", schreibt Mark vom Bayern-Fanklub Munich Maniacs auf der Internetseite stadionwelt.de. "Es kann nicht sein, dass das Fernsehen diktiert, wann gespielt wird." Für die Fans ist ein Spiel am Sonntagabend inakzeptabel. Vor allem, wenn Bayern-Fans nach Cottbus reisen sollen. Oder Rostocker nach Kaiserslautern. "Es gibt Leute, die montags arbeiten müssen", schreibt Mark. Hertha-Fan Kay Bernstein hat das gleiche Problem. "Der Spieltag wird derb auseinandergerissen", sagt er. "Und das ist doch erst der Anfang vom Ende. Was ist, wenn die auch noch an den anderen Tagen regelmäßig spielen?" In England ist das bereits Normalität.

Der Hertha-Fanklub "Harlekins" nimmt heute zum Auswärtsspiel nach Bochum ein 20 Meter langes Transparent mit. "Fußball am Sonntag im TV - und im Stadion keine Sau", ist darauf zu lesen. Die Fans anderer Vereine unterstützen die Aktion, auch die Anhänger der Zweitligaklubs. Die haben das besondere Glück, auch am Montagabend zu spielen. Das Deutsche-Sport-Fernsehen (DSF) überträgt jeden Montag um 20.15 Uhr ein Zweitligaspiel live, seit sieben Jahren schon. Seitdem darf ein mitreisender Fan mitunter gleich zwei Urlaubstage beim Chef anmelden. Die Anhänger ärgern sich, doch es ändert sich vorerst nichts. Trotz einiger Plakate mit knackigem Inhalt. "Scheiß DSF", war vor ein paar Jahren im Stadion von St. Pauli zu lesen. Oder: "Montags find ich zum Kotzen." In Köln wurde ein vermeintlicher Kameramann des Senders aus der Fankurve sogar unter großem Jubel mit brennenden Wunderkerzen beworfen.

Die Zeiten, da Hertha BSC montags gespielt hat, sind zwar vorbei. Doch seitdem Premiere alle Bundesligaspiele in voller Länge zeigt, kommen weniger Zuschauer ins Olympiastadion. Warum Nerven und Bankkonto strapazieren, wenn Hertha auch zu Hause im Wohnzimmer spielt? Immer weniger gehen ins Stadion, das Spektakel Fußball nimmt ab. Solange das Werbegeld fließt, scheinen die Klubs das zu verkraften. Bei allem Unmut gegen die Fernsehanstalten: Die Vereine wollen und brauchen das Geld, deshalb akzeptieren sie die Wünsche der Sender nur allzu willig. Auf 25 Millionen Mark schätzt Hertha-Manager Dieter Hoeneß die Einnahmen durch die Fernsehgelder. Selbst wenn das Stadion bei allen 17 Heimspielen ausverkauft wäre, kämen ohne Abzug der Kosten gerade einmal 19 Millionen zusammen. "Die Fernsehgelder sind nun einmal ein sehr wichtiger Faktor im Etat", sagt Hoeneß. Denn Hertha BSC will auch international mithalten. Und das ist nur möglich, wenn der Verein neue Stars verpflichtet und nicht vor hohen Gehaltsforderungen zurückschreckt. Dennoch sieht Hoeneß das Problem. "Unsere Interessen decken sich mit denen der Fans", sagt er. Sonnabendspiele wären ihm lieber, allein aus Planungsgründen. "Wir wissen selbst vier Wochen vorher nicht, wann wir genau spielen."

Heute in Bochum werden die Fans wieder grölen und tanzen. Vermutlich auch meckern. Denn Herthas nächstes Auswärtspiel steigt zwei Wochen später in Stuttgart. Anpfiff ist Sonntag um 17.30 Uhr. Hertha-Fan Kay hat sich den Montag freigenommen. Die Nacht verbringt er wieder mal auf der Autobahn.

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