Sport : Spielplatz oder Sozialstation

Das Europäische Jahr der Erziehung durch Sport könnte in Deutschland eine Identitätskrise lindern

Friedhard Teuffel

Berlin. Auch wenn es sich noch nicht herumgesprochen hat: 2004 ist das Europäische Jahr der Erziehung durch Sport. Hinter diesem nicht gerade aufregenden Titel verbirgt sich ein großer Wurf. Der Sport soll mit Bildungseinrichtungen wie Kindergärten und Schulen dauerhafte Partnerschaften eingehen. Eine Bewusstseinserweiterung für beide Seiten ist das Ziel. So könnte zum einen der Sport nicht nur körperliche, sondern auch soziale Fähigkeiten vermitteln. Zum anderen würden etwa Schulen verstärkt auf körperliche Erziehung setzen und damit ein ganzheitliches Bildungskonzept verfolgen.

Das Europäische Jahr der Erziehung durch Sport könnte dadurch auch dazu beitragen, eine Identitätskrise des deutschen Sports zu lindern. In diese Krise hatte den Sport 2001 eine Studie des Paderborner Sportwissenschaftlers Wolf-Dietrich Brettschneider gestürzt. Er hatte herausgefunden, dass der positive Einfluss der Sportvereine auf die Persönlichkeitsentwicklung von Jugendlichen kaum nachweisbar ist. Der Sport, der sich bis dahin für die größte Sozialstation der Republik gehalten hatte, stand auf einmal als ganz gewöhnlicher Spielplatz da.

Nun sollen gerade diese Defizite behoben werden. In allen Mitgliedsländern fördert die Europäische Union in diesem Jahr insgesamt mehr als 180 Projekte und gibt dafür 11,5 Millionen Euro aus. Von den bald 20 Projekten in Deutschland befasst sich eines mit der Weiterbildung von Übungsleitern, um deren sozialerziehrisches Potenzial zu nutzen. Die Übungsleiter sind schließlich die Schlüsselfiguren bei der Vermittlung sozialer Kompetenzen, und deshalb hatte der Deutsche Sportbund nach der Brettschneider-Studie auch eine Qualifizierungsoffensive für sie angekündigt.

Ein anderes Projekt befasst sich mit der Einrichtung eines Bewegungszentrums für Mütter und Kinder, und wieder ein anderes zielt auf die Kooperation zwischen Sportvereinen und Grundschulen. Alle Projekte sollen vorbildhaften Charakter haben und intensiv ausgewertet werden, am besten von der Wissenschaft.

Barbara Lischka von der Deutschen Sportjugend koordiniert das Aktionsjahr in Deutschland. Sie sieht in dieser Maßnahme eine Chance zur Lobbyarbeit für den Sport gerade im Jahr der Olympischen Spiele und der Fußball-Europameisterschaft. „Die Schulen lassen den Sport immer mehr von externen Kräften durchführen. Das zeigt, dass der Stellenwert des Sports gesunken ist“, beklagt Barbara Lischka. Die angedachten Partnerschaften könnten die Bedeutung des Sports in den Schulen nun wieder heben. Barbara Lischka glaubt sogar, dass das Aktionsjahr eine gute Maßnahme im schon lange bestehenden Kampf um die vierte Schulsportstunde ist.

Das hört sich zunächst einmal vernünftig an, und dennoch bewertet Professor Brettschneider das Aktionsjahr zwiespältig: „Unter politischen Gesichtspunkten ist es gut, dass die EU den Sport entdeckt. Bei der Wirkung bin ich aber eher skeptisch.“ Das liegt sicher auch an der Vermittlung. Medienwirksam soll das Aktionsjahr schließlich sein, aber gerade darin dürfte eine große Schwäche liegen. Denn allein der Deutsche Sportbund hat in den vergangenen Jahren unzählige öffentliche Kampagnen veranstaltet, von der Aktion „Im Verein ist Sport am schönsten“ über „Richtig fit“ bis hin zu „Danke den Ehrenamtlichen im Sport“. Das macht es dem Sport schwierig, das Europäische Jahr der Erziehung durch Sport trennscharf davon abzusetzen und ins öffentliche Bewusstsein zu bringen. „Es ist nicht auszuschließen, dass das Jahr ein ähnliches Schicksal nimmt wie das Jahr des Baums oder des Pfifferlings“, sagt Brettschneider. Er hat auch den Eindruck, dass einige Projekte sehr kurzfristig ausgerichtet seien.

Die Idee dahinter hält Brettschneider jedoch für wertvoll, und dass der Sport nun mit Kindergärten, Schulen und Jugendzentren zusammenarbeiten soll, um soziale Kompetenzen zu vermitteln, sieht er auch nicht als Kapitulationserklärung des Sports. „Es ist keine Kapitulation, sondern die Einsicht, dass der Sport alleine überfordert ist.“

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