Spionage-Affäre : Der Commander verliert die Kontrolle

Die Spionage-Affäre der Formel 1 hat das Lebenswerk des McLaren-Chefs Ron Dennis ins Wanken gebracht.

Karin Sturm[Spa],Christian Hönicke
Ron Dennis
Zerbricht das Lebenswerk von Ron Dennis? McLaren-Mercedes muss 100 Millionen Euro Strafe zahlen. -Foto: dpa

Ja, es war Ron Dennis, der am Sonntag im Fahrerlager von Monza in die Arme seiner Frau Lisa sank und sich danach verschämt die Tränen von der Wange wischte. Der selbe Ron Dennis, der als Chef des Formel-1-Rennstalls McLaren-Mercedes sonst so unnahbar und unerschütterlich auftritt. Nach dem Doppelsieg seines Teams in Italien zeigte er sich plötzlich als Mann, den die Entwicklungen der vergangenen Wochen und Monaten an die Grenze der Belastbarkeit getrieben hat. Die teaminternen Probleme mit seinen beiden Spitzenfahrern Lewis Hamilton und Fernando Alonso und nicht zuletzt die Verwicklung seines Teams in die Spionage-Affäre sprachen aus diesen Tränen, und sie deuteten an, dass ihr Besitzer in dieser Woche wohl vor der schwersten Belastungsprobe seines Lebens stehen würde.

Tatsächlich stand für Ron Dennis bei der Anhörung vor dem Fia-Weltrat am Donnerstag in Paris (nach Redaktionsschluss beendet) mehr auf dem Spiel als eine Weltmeisterschaft, auch mehr als die mehr als 50 Millionen Euro, die etwa eine Streichung aller Punkte der Konstrukteurs-WM ihn und das Team kosten würden. Es ging um sein Lebenswerk, seinen Traum, den er aufgebaut hat, und den nichts besser versinnbildlicht als die protzig-futuristische Team-Zentrale in seiner Geburtsstadt Woking, die er vom Star-Architekten Sir Norman Foster entwerfen und von Queen Elizabeth II. höchstpersönlich einweihen ließ.

In der an extravaganten Persönlichkeiten gewiss nicht armen Formel 1 nimmt der 60-Jährige eine exponierte Stellung ein. 1966 begann er seine Karriere als Mechaniker, seit 1980 führt er den Rennstall des verunglückten Bruce McLaren und sammelte mehr Titel als jeder andere Teamchef. Dennis ist kein Top-Manager, der ohne Bedenken von einem zum nächsten Konzern wechselt. Ron Dennis ist McLaren – und McLaren ist Ron Dennis.

Jetzt droht das alles zum Einsturz gebracht zu werden. Die Spionage-Affäre um angeblich gestohlene Daten des Konkurrenten Ferrari stellt seine Glaubwürdigkeit und Integrität in Frage gestellt, ein Punkt, der ihn mehr trifft als alles andere. Dass ihm die Kontrolle über seine persönliche Ehre entgleitet, das kann jemand, der am liebsten alles unter Kontrolle hätte, nur schwer verwinden.

Dabei hat es sich Dennis zum Teil selbst zuzuschreiben, dass sich seine zahlreichen Gegner im Formel-1-Fahrerlager nun genüsslich an seinem Schicksal weiden. Die Eigendarstellung des Engländers in der Öffentlichkeit ist bisweilen nur als unglücklich zu bezeichnen. Schon lange bevor ihm 2004 der Titel „Commander of the Order of the British Empire“ verliehen wurde, trat er im Fahrerlager wie ein Aristokrat auf. Die betont zur Schau getragene Kühle und Gelassenheit wird ihm dabei nicht selten als Gefühlskälte, Arroganz und Emotionslosigkeit ausgelegt, wenngleich es wohl in Wirklichkeit eher ein Verstecken eigener Unsicherheit ist. Dennis’ fein gewählte Formulierungen in einer überkorrekten, hochgestochenen Sprache sind für viele Nicht-Englisch-Muttersprachler nicht nachzuvollziehen und fordern chronische Missverständnisse geradezu heraus. Und wenn wie in Monza die Fassade doch einmal bricht und die andere, die menschliche Seite des überkorrekten Taktikers zum Vorschein kommt, muss er sich den Vorwurf einer Inszenierung gefallen lassen.

Vor allem seine Lieblingsfeinde Jean Todt und Flavio Briatore, die Teamchefs der Konkurrenten Ferrari und Renault, würden Dennis liebend gerne von seinem Ross stürzen sehen. Dass Dennis auch an oberster Stelle einen persönlichen Gegner sitzen hat, macht es für ihn nicht einfacher. Auch wenn Max Mosley, der Präsident des Automobil-Weltverbands Fia, immer wieder seine Neutralität betont: Die Probleme, die der Aristokrat aus der englischen Oberschicht mit dem Aufsteiger Dennis hat, sind bekannt.

Die Spionage-Affäre bietet den Widersachern nun die perfekte Gelegenheit zur Demontage des McLaren-Chefs. Unabhängig vom Urteilsspruch dürfte sie Dennis’ Position vor allem im internen Kräfteverhältnis mit dem Motorenpartner Mercedes in jedem Fall geschwächt haben.

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