Sport : Spitzel, die keiner zurückpfeift

In der DDR manipulierten Schiedsrichter systematisch Fußballspiele – trotzdem bekleiden sie noch Ämter

Giselher Spitzer

Ein Jahr vor der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland zeichnet sich ein besonderes Problem ab: Frühere DDR-Schiedsrichter, die zum Teil auch noch für die Stasi gearbeitet haben sollen, befinden sich unverändert in herausgehobenen Ämtern. Das Problem rückte zuletzt in den Vordergrund, als der ostdeutsche Serienmeister und heutige Oberligaklub BFC Dynamo beim Deutschen Fußball-Bund beantragte, drei Sterne als Ehrung für seine zehn DDR-Meisterschaften auf dem Trikot zu tragen. Eine endgültige Entscheidung darüber ist noch nicht gefallen, doch die Debatte über den einst angeblich von Stasi und Schiedsrichtern bevorzugten „Schiebermeister“ beschäftigt die ostdeutschen Fußballfans. An diesem Dienstag wird in der Landesvertretung Thüringen in Berlin über den Einfluss der Stasi auf den DDR-Fußball diskutiert.

Die hohe Zahl zweifelhafter Schiedsrichter-Entscheidungen war Kennzeichen von Dynamo. Der BFC war ein Verein von Staatssicherheit und Volkspolizei, der Minister für Staatssicherheit persönlich war Förderer des Vereins. Die fachkundige Öffentlichkeit vermutete bei bestimmten Referees, die im Ausland neutral und gut pfiffen, in der Heimat eine Verzerrung des Wettbewerbs.

Die Manipulationen sind in Unterlagen der Staatssicherheit dokumentiert. Die SED-Parteispitze erhielt eine Auswertung der Saison 1984/85. Sie belegte falsche Entscheidungen sowie den ausgeklügelten Missbrauch der dritten und sechsten Gelben Karte, also Sperren guter Spieler für ein kommendes Spiel gegen den BFC. Die Studie sah „gezielten Einfluss anderer Instanzen auf die Schiedsrichter“ und Drohungen gegenüber Journalisten. Der DDR-Fußballverband meinte die Staatssicherheit. Eine geheime Videoauswertung des Endspiels im FDGB-Pokal 1985 gegen Dresden vermerkte sechs falsche Entscheidungen zugunsten des BFC. Allerdings gewann Dresden das Spiel dennoch 3:2. Trotz der Fakten verhinderte SED-Politbüromitglied Egon Krenz ein Durchgreifen, so dass die für den Skandal verantwortlichen Schiedsrichter laut Unterlagen geringe Strafen erhielten. Die Meisterschaft 1986 wurde im Spiel gegen Lok Leipzig entschieden, als der Spielleiter nach den vorliegenden Quellen in der 95. Minute auf Strafstoß entschied, durch den die Berliner siegten. Der betreffende Schiedsrichter wurde abgelöst, aufgrund des öffentlichen Protests, der die SED zum Handeln zwang.

Ein Blick in die Listen der Inoffiziellen Stasi-Mitarbeiter (IM) verdichtet das Bild. Ergebnis einer Überprüfung für das erste beschriebene Spiel: Ein Schiedsrichter war als IM „Schwarz“ erfasst. Ein anderer war seit 1978 ohne Verpflichtungserklärung als Gesellschaftlicher Mitarbeiter Sicherheit „Klaus“ geführt worden. Der Schiedsrichter, der den Elfmeter gegen Leipzig gab, war als IM „Peter Richter“ geführt worden. Auch andere von den Fans verdächtigte Schiedsrichter standen auf den Stasi-Listen. Einer erwarb gleich zweimal den IM-Status („Schnaftel“ und „Erich“), er war zeitweise sogar als hauptamtlicher IM registriert. Ein weiterer verdiente sein Geld als getarnter „Offizier im besonderen Einsatz“ mit dem Decknamen „Oskar“.

Wie geht der Nordostdeutsche Fußball-Verband (NOFV) mit den Altlasten um? Viele dieser Schiedsrichter sind bis heute in herausgehobenen Positionen. Sie haben sich nicht zurückgezogen, trotz Manipulationsvorwürfen, trotz der Rechtsgrundlage im Deutschen Sport-Bund, die eine frühere Stasi-Tätigkeit verbietet. Im Fußball-Verband Thüringen ist ein ehemaliger Stasi-Major für Spiele der Regionalliga und Amateuroberliga zuständig. Im Fußballverband Brandenburg ist ein ehemaliger Referee Beobachter der Verbandsliga. Der Verantwortliche des „Leipziger“ Spiels pfeift nicht mehr: Er ist im NOFV als ordentliches Mitglied allerdings im Sicherheitsausschuss tätig. Der NOFV steht damit unter Aufklärungsdruck.

Auch für den Kampf des BFC um die drei Sterne haben die Erkenntnisse Folgen: Das Finale der Meisterschaft 1986 scheint fehlerhaft für den BFC gepfiffen worden zu sein. Eine Korrektur bringt die Vizemeisterschaft. Die Lieblingsmannschaft von Minister Mielke könnte nur auf neun Meisterschaften zurückblicken – dem BFC stünden zwei Sterne zu.

Giselher Spitzer ist Privatdozent an der Humboldt-Universität. Er veröffentlichte Bücher zum Einfluss der Stasi auf den Sport sowie zum Doping in der DDR.

Die Diskussion über den Einfluss der Stasi auf den Fußball findet heute ab 19 Uhr in der Landesvertretung Thüringen, Mohrenstraße 64, statt. Der Eintritt ist frei.

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