Spitzenspiel in der Handball-Bundesliga : Füchse gegen HSV: An den Kragen

Vor zehn Jahren teilweise gar nicht existent, heute große Konkurrenten: Warum sich zwischen den Handball-Bundesligisten Füchse Berlin und HSV Hamburg eine Rivalität entwickelt hat.

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Kommt ein Fuchs geflogen. Der Berliner Fredrik Petersen hofft heute gegen seine alten Teamkollegen aus Hamburg auf zahlreiche Möglichkeiten zum Gegenstoß.
Kommt ein Fuchs geflogen. Der Berliner Fredrik Petersen hofft heute gegen seine alten Teamkollegen aus Hamburg auf zahlreiche...Foto: picture alliance / dpa

Fredrik Petersen war vor Rage kaum noch zu halten, sodass seine Teamkollegen die einzig hilfreiche Maßnahme im Sinne der Deeskalation ergriffen: Sie bildeten eine menschliche Wand und schirmten ihren Mitspieler von jenem Mann ab, dem er sonst womöglich an den Kragen gegangen wäre: Johannes Bitter. Obwohl der genaue Wortlaut des Hamburger Torhüters nicht überliefert ist – es müssen unschöne Vokabeln gewesen sein, die Bitter dem Linksaußen der Füchse Berlin direkt nach der Schlusssirene mit auf den Weg gegeben hatte. Viel fehlte an diesem Spätsommertag vor acht Wochen jedenfalls nicht zu einer gepflegten Rauferei.

Natürlich war die Szene, war Petersens Reaktion aus dem Play-off-Rückspiel zwischen dem HSV und den Füchsen dem enttäuschenden Scheitern der Berliner in der Champions-League-Qualifikation geschuldet. Sie steht aber auch für die gewachsene Konkurrenz der beiden Handball-Bundesligisten, die geografisch keine 300 Kilometer und vor dem Spitzenspiel an diesem Sonntag (17.15 Uhr, Max-Schmeling-Halle und live bei Sport1) exakt null Minuspunkte in der Tabelle trennen. „Ich erwarte auch diesmal wieder ein sehr emotionales Match, weil sich die Teams in den letzten Jahren so viele wichtige, hochklassige und umkämpfte Spiele geliefert haben, dass man schon von einer Rivalität sprechen kann“, sagt Füchse-Trainer Dagur Sigurdsson.

Im historischen Kontext genießt die Ansetzung zwischen der größten und zweitgrößten deutschen Stadt zwar nicht jenen Derby-Faktor wie die Duelle zwischen Flensburg und Kiel oder zwischen Göppingen und Balingen. Spannend ist sie aber schon wegen der Frage, wer die Vormachtstellung von Serienmeister Kiel perspektivisch überhaupt gefährden kann.

Um die Jahrtausendwende war daran ebenso wenig zu denken wie an erfolgreichen Vereinshandball in deutschen Großstädten. Vor dem Umzug in die Hansestadt und der Neugründung firmierte der HSV unter dem Namen VfL Bad Schwartau, und die „Reinickendorfer Füchse“ dümpelten in der Zweitklassigkeit vor sich hin. Dann übernahm Bob Hanning – 2002 in Hamburg und nach seiner dortigen Demission 2005 in Berlin – und stampfte strukturstarke Klubs aus dem Boden, die längst zum Spitzenfeld der Liga gehören. In entsprechender Regelmäßigkeit haben sich die Wege beider Vereine seither gekreuzt. Allein anhand der Geschehnisse in den vergangenen drei Jahren ließen sich einige Anekdoten erzählen.

In der Saison 2010/11 demoralisierte der HSV die aufstrebenden Füchse in der Schmeling-Halle (35:22) auf seinem Weg zum ersten nationalen Meistertitel. Ein Jahr später nahmen die Berliner Revanche für diese Demütigung, obwohl sie im Achtelfinal-Rückspiel der Champions League in der Hamburger Arena zwischenzeitlich scheinbar aussichtslos in Rückstand gelegen hatten. Später erreichten die Berliner das Finalturnier in Köln und krönten die bislang erfolgreichste Saison der Vereinsgeschichte. Ihren Höhepunkt erfuhr die Rivalität allerdings in den hochdramatischen Play-off-Spielen im August 2013, diesmal mit dem besseren Ende für Titelverteidiger HSV Hamburg. Und heute?

„Diese Spiele haben wir längst vergessen, für mich ist das Spiel am Sonntag auch nicht mehr speziell“, sagt Fredrik Petersen, der noch wenige Wochen vor seinem Wechsel zu den Füchsen die Champions League mit dem HSV gewonnen hat und in dieser Spielzeit zu den besten Berlinern zählt. „Trotzdem sind zuletzt ein paar Sachen zwischen den Teams vorgefallen, die noch in den Köpfen stecken“, ergänzt der schwedische Nationalspieler. Wie der brutale Kopfstoß von Torsten Jansen am 32. Spieltag der Vorsaison, als der Hamburger Linksaußen Ivan Nincevic in einem Anfall von Wahnsinn niedergestreckt und schwer verletzt hatte.

Überhaupt die Personalien. Für Verstimmungen sorgte zuletzt auch das Theater um den vom HSV umworbenen Nationalkeeper Silvio Heinevetter. Füchse-Präsident Frank Steffel warf dem HSV im Zuge der Verhandlungen „Großmannssucht und Mäzenatentum“ vor und hatte sichtlich Spaß daran, die Vertragsverlängerung mit Heinevetter vor dem Play-off-Hinspiel zu verkünden.

Alles vergessen, einfach so? Keine Sprüche vor dem heutigen Spiel? „Von mir jedenfalls nicht“, sagt Petersen. Und wo hat der HSV Schwachstellen? Petersen lacht. „Vielleicht in der Rückwärtsbewegung“, sagt der Schwede. Was wiederum das konterstarke Spiel der Berliner und einfache Gegenstoßtore begünstigen würde, idealerweise ausgeführt von Fredrik Petersen. Und erzielt gegen – Johannes Bitter.

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