Spitzentennis : Die Oligarchen wanken

Mit seinem Sieg bei den Australian Open rückt Novak Djokovic an Roger Federer und Rafael Nadal heran - nach einem Finale, das mit Tränen endete, weitet sich der Zweikampf um die Tennisspitze aus.

Petra Philippsen[Melbourne]
Lauf ohne Ende. Novak Djokovic hat nach dem Davis-Cup-Sieg keine Pause eingelegt, um seine starke Form nicht zu gefährden. Foto: dpa 
Lauf ohne Ende. Novak Djokovic hat nach dem Davis-Cup-Sieg keine Pause eingelegt, um seine starke Form nicht zu gefährden. Foto:...Foto: dpa

Novak Djokovic riss die Arme in Höhe, und die Anspannung fiel endlich von ihm ab. Dann zog der Serbe erst sein Hemd aus und warf es in die Menge, und unter dem Jubel der 15 000 Zuschauer in der Rod-Laver-Arena gab er auch noch seinen Schläger, sein Handtuch, seine Wasserflaschen und schließlich gar seine Schuhe an die Fans. Viel hatte an diesem Abend für ihn auf dem Spiel gestanden, wie auch für seinen Gegner, Andy Murray. Auf den beiden Kronprinzen der Szene lastete enormer Druck vor diesem Finale der Australian Open, die Chance auf einen Grand-Slam-Titel war selten größer gewesen. Denn nur zwei der letzten 23 Endspiele fanden ganz ohne die sonst alles beherrschenden Tennisstars Roger Federer und Rafael Nadal statt. Das erste 2008 in Melbourne und jenes heute – und beide Male siegte der Serbe.

„Es war sehr schwer, heute zu spielen“, sagte Djokovic nach dem souveränen 6:4, 6:2 und 6:3-Erfolg am Wochenende, „es ging um so viel, und Andy und ich kennen uns einfach schon so lange. Daher bin ich sehr stolz, dass ich es geschafft habe.“ Seit ihrem elften Lebensjahr kennen sich die beiden, sie begannen gemeinsam den Weg ins Profitennis, und auch ihr Aufstieg lief fast parallel. In den vergangenen vier Jahren waren sie konstant die erbittertsten Verfolger von Nadal und Federer, etablierten sich direkt hinter ihnen in der Weltspitze.

Mit nun 23 Jahren – Djokovic ist nur eine Woche jünger als Murray – sind sie dem Erfolgsduo näher gekommen als je zuvor. „Rafa und Roger waren über Jahre so dominant“, sagte Djokovic, „aber jetzt gibt es einige Spieler, die daran glauben, sie schlagen zu können.“ Er selbst hatte es im Halbfinale von Melbourne bewiesen, als er den Schweizer in beeindruckender Weise bezwang. Nicht zum ersten Mal. Ebenfalls im Halbfinale düpierte er Federer zuletzt bei den US Open. Dieser Sieg, bei dem Djokovic zwei Matchbälle gegen sich abwehren konnte, gab seinem Selbstvertrauen einen zusätzlichen Schub. Er ist Murray nun einen Schritt voraus.

Und ebenso entschlossen präsentierte er sich während der beiden Wochen in Down Under, gab dabei nur einen Satz ab. Auch Murray sollte es nicht gelingen, seinen Freund ernsthaft zu gefährden, der aggressiv im Finale den Ton angab. Der Schotte spielte zu passiv und zögerlich, hatte wohl auch noch mit der Oberschenkelblessur zu kämpfen, die er sich in der Runde zuvor zugezogen hatte. Vielleicht lagen seine Ladehemmungen aber auch am zusätzlichen Ballast, den er mal wieder mit sich herumschleppte: Die Erwartungen von 61 Millionen Briten, die seit nunmehr fast 75 Jahren ungeduldig auf einen neuen Grand-Slam-Sieger warten. Vor einem Jahr war Murray in Melbourne bereits dicht dran gewesen, doch er scheiterte an einem übermächtigen Federer. Damals war er in Tränen aufgelöst, dieses Mal blieb er gefasster. Getroffen hatte es ihn dennoch. „Es ist hart, aber nicht ganz so schlimm, wie vor einem Jahr. Novak hat unglaublich gespielt“, erkannte Murray an.

Djokovic konnte nachvollziehen, wie sich die Last des Schotten anfühlte. Denn als er im Dezember für Serbien in Belgrad den Davis-Cup gewann, waren die Erwartungen seiner stolzen Landsleute immens: „Es war ein historischer Sieg, sehr emotional und das Schönste, was ich je auf einem Tennisplatz erlebt habe. Aber der Druck war unglaublich.“ Dass er ihm standhielt, machte Djokovic in diesen Tagen vielleicht zu einem so bedingungslos und entfesselt aufspielenden Kämpfer.

Auf die ohnehin kurze Winterpause hatte Djokovic fast komplett verzichtet, er wollte den Lauf nicht gefährden und weiterarbeiten. Der Lohn war ein neues Leistungslevel samt stark verbessertem Aufschlag. „Ich habe mich noch nie so derart dem Tennis gewidmet wie im Moment, das hat sich ausgezahlt. Ich lebe gerade einen Traum“, sagte Djokovic. Ganz am Ende seiner Träume ist er dennoch nicht angekommen. Denn trotz seines Melbourne-Triumphes bleibt er weiterhin die Nummer drei der Welt – hinter Nadal und Federer. Doch die spüren jetzt deutlich seinen Atem im Nacken.

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