Sport : Sport 2000: Atemlos in Sydney

Helmut Schümann

Als Berichterstatter bei Olympia ist es ja so: Zum Sportgucken kommt man eher selten. Mal ein Schwimmfinale, aber dann kein zweites, weil man zum Startschuss schon in der Mixed Zone steht, dem Versammlungsort von Athlet und journalistischer Öffentlichkeit, um dort Statements aufzuschnappen. Mal ein Beachvolleyball-Match, aber dann kein zweites, weil man dann schon ... Mixed Zone, Sie verstehen schon. Atemlos sind diese Statements und inhaltslos meistens auch, weil den erfolgreichen Olympioniken vor lauter Überwältigung nur eher allgemein gehaltene Sätze zur eigenen Befindlichkeit einfallen ("Es geht mir suuuper") und sie die sehr, sehr häufige Ursache des Erfolges tunlichst verschweigen, wohingegen die weniger erfolgreichen den Grund ihrer Erfolglosigkeit lieber für sich behalten. Man müsste ja sonst eventuell in beiden Fällen über Doping reden. Die Wahrheit ist aber eher nicht zu haben bei Olympia, dafür hat man dann wieder Sportgucken verpasst.

Nur manchmal, wenn die Arbeit getan ist, die Wunder der Technik auch den letzten Punkt auf geheimnisvolle Weise in die Heimat übermittelt haben, dann ist, ganz selten, auch Sportgucken möglich. Und dann kann es sein - aber wirklich ganz selten -, dass der olympische Geist ein wenig herübergeweht kommt und es einem warm wird vor Rührung. Der erste Sonnabend dieser Spiele in Sydney hielt so einen Moment bereit, als Marion Jones, diese wunderbare amerikanische Sprinterin, ihre erste Goldmedaille gewinnen wollte, die über 100 Meter. Auf der Pressetribüne hatte sich C. J. Hunter eingefunden, ihr kugelstoßender Ehemann, und wenn man so neben C. J. sitzt, diesem Koloss mit finsterem Blick und den Ausmaßen von zwei, drei Männern, und unten Marion sieht, dieses grazile, elfengleiche Wesen und sich vorstellt, wie dieser C. J. Marion in den Arm nimmt, sie drückt. Nein, das will man sich lieber nicht vorstellen.

C. J. ist ziemlich nervös gewesen an diesem Abend, er hatte an Fingern genagt und war hin- und hergeschaukelt mit seinem massigen Körper und war aufgestanden und hatte sich wieder hingesetzt und war wieder aufgestanden. Und als dann die 100 000 Menschen im Olympiastadion in den letzten Sekunden kurz vor dem Startschuss sehr still wurden, da war er noch einmal aufgesprungen und hatte gerufen, gebrüllt, geschrien, dass es jedermann hören konnte in diesem riesigen Rund: "Come on, Marion!" Dann hatte es geknallt im Stadion und 10,75 Sekunden später war Marion Olympiasiegerin gewesen. Und C. J. herzte seine Umgebung, jede Frau, die in der Nähe stand, jeden Mann auch. Ich meine, C. J. ist wirklich sehr dick und wirklich sehr stark, und wenn er einmal zugedrückt hat, dann ist das ein gewichtiges Argument, sich mitzufreuen. Wenn man wieder bei Atem ist.

C. J. war anschließend nach unten gelaufen, so nah wie eben möglich, und hat, natürlich, auch seine Frau umhalst. Er ist allerdings nicht ganz nah herangekommen, es ist Marion also nichts passiert. Und als C. J. die Treppen des Stadions wieder hochkam, wischte er sich ein paar Tränen aus den Augen. Der olympische Geist war also auch mit im Stadion gewesen. Nur schade, dachte man in diesem Augenblick, dass C. J. Hunter nicht selber auch noch starten kann bei Olympia, er hatte wegen einer Verletzung absagen müssen. Wäre es nicht noch ein wenig rührender geworden, wenn auch er am Ende des Kugelstoßwettbewerbs sich eine Goldmedaille hätte umhängen können, gefeiert von seiner Gattin, der grazilen Marion? Nur der Sport, und dabei besonders Olympia, schreibt so schöne Geschichten. Und dass sie überglücklich sind und ihren Erfolg gar nicht fassen können, das haben sie dann jedem erzählt, Marion noch etwas atemlos vom Rennen, C. J. vor Überwältigung. Nicht wahr, der Mythos Olympia lebt. Manchmal, ganz selten, ist eben auch noch Wahrheit zu haben bei Olympia.

Zwei Tage später kam dann leider raus, dass dieser C. J. Hunter, Kugelstoß-Weltmeister und Seele von Mensch, auch noch ein ziemlich großer Betrüger ist. Er war bereits im Juli bei einem Wettkampf in Oslo positiv getestet worden, mit einem Wert, der kaum Zweifel lässt. C. J. hat Sydney dann schnell verlassen, er hat mich nicht mehr gedrückt.

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