Sport : Sport 2000: Tränen und Triumphe

Hartmut Moheit

Wäre eine Pfennigstück zu Boden gefallen, man hätte es wohl hören können. Wie erstarrt schauten im Pressezentrum von Monza weit mehr als einhundert Medienvertreter zum Podium, auf dem Michael Schumacher sein Gesicht in der linken Hand vergrub und vergeblich versuchte, einen Weinkrampf zu unterdrücken. Mika Häkkinen, der finnische Formel-1-Titelverteidiger neben ihm, streichelte beruhigend seine Schulter. Und auch Ralf Schumacher auf der anderen Seite tätschtelte den großen Bruder fürsorglich. Von wegen cooler Ferrari-Star, gefühlloser Roboter, menschliche Maschine oder arroganter Deutscher - von einer zur anderen Sekunde wurden Platitüden von der Wirklichkeit überrollt. Nur wenige Meter tiefer, auf der Rennpiste und vor den Boxen der Teams, johlten Zehntausende Tifosi.

Alle, in Monza und die Millionen vor den Fernsehschirmen, konnten spüren, welche Last von Michael Schumacher nach seinem Sieg im Königlichen Park gefallen war. Nach dem 14. Grand Prix der Saison, dem eine Serie von Misserfolgen vorausgegangen war, galt er plötzlich wieder als ein ganz heißer Anwärter auf den Weltmeister-Titel. Kaum noch einer erinnerte sich im Nachhinein an einen Satz, der in Monza bei Schumacher alle Dämme brechen ließ: "Sie haben heute mit ihrem 41. Sieg mit Ayrton Senna gleichgezogen ..."

Dabei blieb es nicht. In den USA, Japan und Malaysia triumphierte Michael Schumacher danach erneut und entthronte damit Mika Häkkinen, den Champion, der im Silberpfeil der beiden Jahre zuvor dominierte. Den Rennanzug, den Michael Schumacher in Indianapolis getragen hatte, stellte er später persönlich der Hilfsorganisation "Ageop Ricerca" für eine Benefizversteigerung zur Verfügung. 18 500 Mark für krebskranke Kinder kamen auf diese Weise zusammen.

Der Grand-Prix-Sieg zum Saisonende in Sepang, der 25. für Schumacher bei Ferrari, war nur noch die formvollendete Krönung. Tränen vergoss er öffentlich nicht mehr. Mit seiner roten Pumuckl-Perücke wirkte Michael Schumacher eher wie ein Clown, den selbst die 35 Grad Hitze nicht hinderten, vor seinen Fans die Rolle des Alleinunterhalters zu spielen. 21 Jahre hatten die Italiener auf diesen Tag warten müssen.

Es soll möglichst nur zwölf weitere Monate dauern, bis sie erneut Grund zu einer "Orgie in Rot" haben werden. Die für den Weltmeister wichtigsten Verantwortlichen, Rennleiter Jean Todt und Technikdirektor Ross Brawn, signalisierten unter diesem Eindruck, dass sie ihre 2001 auslaufenden Verträge verlängern würden. Brawn war 1996 zusammen mit Chefdesigner Rory Byrne zu Ferrari gekommen. Mit beiden hatte der Deutsche seine ersten zwei WM-Titel bei Benetton geholt. Brawn blieb Schumachers wichtigster Stratege. Der Vertrag des Aerodynamik-Spezialisten Byrne endet im Februar 2002. Damit sollte auch die Fertigstellung des Autos für Schumachers voraussichtlich letztes Ferrari-Jahr gesichert sein.

Allein 530 Männer und 20 Frauen arbeiteten in dieser Saison im Hintergrund dafür, dass der Traum aller Ferrari-Fans in Erfüllung gehen konnte. Schumacher wusste nur zu gut, warum er sich nach jedem Rennen bei ihnen bedankte. Selbst noch Wochen nach dem WM-Finale, zur Weihnachtszeit. Bei der Ferrari-Feier in Fiorano übergab er für jeden ein persönliches Präsent. Dabei handelte es sich um eine edle Schweizer Uhr. Insgesamt dürfte Schumacher Uhren im Wert von 300 000 Mark verschenkt haben. "Hinter uns liegt ein wunderbares, aber sehr anstrengendes und nicht immer einfaches Jahr", sagte Multimillionär Schumacher. Seine Tränen von Monza waren in dieses Fazit inbegriffen.

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