Sport : Sport in Afghanistan: Tödliche Torstangen

Matthias Anbuhl

Die Dame am Telefon der afghanischen Botschaft wundert sich. "Pardon, Sie interessieren sich für Sport in Afghanistan?" Mit allen möglichen Auskünften könne die Berliner Botschaft der Islamischen Republik Afghanistan dienen. Welche Auswirkungen haben die Bombardements der Amerikaner? Können die Rebellen im Norden die Taliban stürzen? Wie kann man der notleidenden Bevölkerung helfen? Aber Sport in Afghanistan ... ? Die Dame überlegt. Der Botschaftsrat, Herr Nadjib, der kann vielleicht helfen.

Abed Nadjib ist ein freundlicher und redseliger Mensch. Auch zum Thema Sport in Afghanistan fällt ihm aus dem Stegreif eine Menge ein. "Dort wo die Taliban das Land kontrollieren", sagt Nadjib, "liegen nahezu sämtliche sportlichen Aktivitäten brach." Anders schaue es im Gebiet der Nord-Allianz aus. An 470 Schulen wird dort Sport getrieben. Auch die Mädchen sind dabei, während die Taliban den Frauen den Sport verboten haben. Zudem seien Ringer, Boxer, Leichtathleten, Fußballer und Volleyballer im Norden aktiv. Vielleicht muss Nadjib so reden, er arbeitet als diplomatischer Vertreter der Nord-Allianz in Berlin. Ob sich die Sportler aus dem Norden Afghanistans international messen? "Wohl eher nicht", räumt Nadjib ein. Afghanistans Sportler leben und trainieren vornehmlich im Exil.

Ahmadscha Faizy wohnt in Essen. Er arbeitet als Taekwondo-Trainer an der Sportschule Samurai. Zum Thema Online Spezial: Kampf gegen Terror
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Umfrage: Bodentruppen nach Afghanistan? Geboren wurde Faizy 1968 in Kabul, 12 Jahre später floh seine Familie vor den Sowjets. Dennoch hält Faizy den Kontakt nach Afghanistan. Seine Verwandten leben noch immer dort. Auch für den Sport in Kabul interessiert sich Faizy. "Taekwondo ist sehr populär in Afghanistan", sagt er. Doch die Athleten des Landes haben den Anschluss an internationales Niveau längst verloren. "Es kommen keine Trainer aus anderen Ländern nach Afghanistan. Taekwondo ist dort taktisch und technisch sehr zurückgeblieben." Vor zwei Jahren kämpfte Faizy um einen Startplatz bei Olympia in Sydney. Bei der Qualifikation in Kroatien schied er frühzeitig aus. Doch selbst wenn er sich für die Spiele qualifiziert hätte, das Turnier in Sydney hätte er nur am Bildschirm verfolgen können. Afghanistan wurde von Olympia ausgeschlossen. Faizy kann diese Entscheidung nicht verstehen: "Warum bestraft man die Sportler meines Landes für die Politik des Taliban-Regimes?"

Afghanistan ist weltweit isoliert, lediglich Pakistan, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate hatten vor den Terror-Anschlägen des 11. Septembers das Taliban-Regime anerkannt. Mittlerweile hält nur noch Pakistan diplomatische Kontakte zu dem Land. Diese Isolation betrifft auch den Sport. Seitdem das Regime weite Teile des Landes kontrolliert, gibt es für die Athleten rigide Beschränkungen. Frauen dürfen gar keinen Sport treiben. Männer müssen auf eine Rasur verzichten und unterliegen einer strikten Kleiderordnung. Der britische Sender BBC meldete erst kürzlich, dass die Taliban ein pakistanisches Fußball-Team in Afghanistan verhaften ließen. Die Kicker standen mit kurzen Hosen auf dem Fußballplatz und verstießen damit gegen die Kleiderordnung des Landes. Die Pakistanis durften zwar wieder nach Hause fahren, mussten sich aber zur Strafe den Kopf rasieren lassen. Weit zynischer als solche Strafmaßnahmen ist die Zweckentfremdung von Fußballstadien im Land. Unlängst war im ZDF zu sehen, wie die Taliban-Schergen dort öffentliche Hinrichtungen veranstalten und dabei die Torstangen als Galgen missbrauchen.

Ein Anruf beim Nationalen Olympischen Komitee (NOK) in Frankfurt, Referat für Internationale Kontakte. Hier hält Georg Kemper Verbindung zu Sportverbänden in der ganzen Welt. Mit Afghanistan, sagt Kemper, pflege man keine Beziehungen, "das erklärt sich aus der politischen Gesamtlage". Immerhin erkenne das Internationale Olympische Komitee Afghanistan bereits seit 1998 nicht mehr an. Das Land zähle folglich nicht zur olympischen Familie. "Offizielle Kontakte wird es deshalb auch in Zukunft kaum geben", sagt Kemper.

Seit 1936 hat Afghanistan mehr oder minder regelmäßig an Olympischen Spielen teilgenommen. 1980 stand Afghanistan im Fokus der Weltöffentlichkeit, als die Sowjetunion in das Land einmarschierte. Damals boykottierten westliche Nationen die Spiele von Moskau. Heute ist Afghanistan in der olympischen Bewegung isoliert. Das Internationale Olympische Komitee hat wegen der Machtübernahme der Taliban alle Hilfen für das NOK Afghanistans eingestellt.

Selbst wenn afghanische Athleten wieder bei den Olympischen Spielen starten, bleibt die Frage, in welchen Disziplinen sie mithalten könnten. "Fußball, Volleyball, Leichathletik - da haben wir gute Athleten", sagt Ahmadscha Faizy. Man dürfe jedoch nicht vergessen, dass das Land seit Jahren unter dem Bürgerkrieg leidet, die Menschen in Armut leben. "Viele Afghanen haben nicht genug zu essen, da fehlt die Kraft, Sport zu treiben." Dennoch gibt es eine Disziplin, in der es die Afghanen zu wahrer Meisterschaft gebracht haben: Buzkashi. Buzkashi ist der Nationalsport Afghanistans. Dabei wetteifern die Reiter zweier Mannschaften darum, den enthaupteten Körper einer toten Ziege zum Ende des Spielfeldes zu befördern. "In dieser Disziplin", sagt Botschaftsrat Abed Nadjib mit lautem Lachen, "könnten wir eine Goldmedaille gewinnen."

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