Sport : Sport macht stolz

Warum Türkeis Premier Erdogan plötzlich nach Paris wollte

Jörg Wenig

Politik ist Diplomatie, und Sport kann das auch sein. Noch bevor Türkeis Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan am Montag in Berlin auf die Internationale Funkausstellung ging, hat er in Paris eine Lehrstunde in Sachen Diplomatie abgehalten.

Es war 50 Minuten vor der Startzeit des 1500-m-Finales der Frauen, als am Schlusstag der Leichtathletik-WM um 17.30 Uhr der türkische Ministerpräsident überraschend in Paris landete. Umgehend wurde er ins Stade de France gefahren, wo Erdogan rechtzeitig eintraf, um das Rennen von Süreyya Ayhan zu sehen. Seit die Türkin vor einem Jahr bei den Europameisterschaften von München unerwartet den 1500-m-Titel gewonnen hatte, ist sie in der Türkei trotz der scheinbar übermächtigen Konkurrenz des Fußballs die beliebteste Sportlerin. Erdogan weiß das, und er weiß auch, welche Bedeutung die Sportlerin für die Türkei hat. Auch das wollte er mit seinem Besuch demonstrieren. Die Erfolge der Fußball-Nationalmannschaft haben die Türkei selbstbewusster gemacht – genauso wie die Medaillen der Süreyya Ayhan.

Denn die amtierende Europameisterin Ayhan schrieb türkische Sportgeschichte, auch wenn sie nicht das erhoffte Gold gewann, sondern nur Zweite wurde. Natürlich kam der Ministerpräsident auch in Erwartung eines Sieges, doch mit dem zweiten Platz hinter der Russin Tatjana Tomaschowa gewann das Land erstmals bei einer großen internationalen Meisterschaft eine Medaille. Wegen dieses Ereignisses hatte Erdogan, der früher Fußball spielte und daher ein Interesse für Sport hat, seinen geplanten Flug von Istanbul in die deutsche Hauptstadt vorverlegt, wo er zu politischen Gesprächen erwartet wurde.

Unmittelbar nach einer kurzen Pressekonferenz, bei der er im Blitzlicht der Fotografen Ayhan offiziell gratulierte, verließ Erdogan das Stadion wieder, um nach Berlin zu reisen. „Bevor ich hierher kam, dachte ich, sie würde gewinnen. Aber in meinem Herzen und in den Herzen der türkischen Menschen ist sie die Weltmeisterin. Sie hat diese Anerkennung verdient, denn sie hat alles gegeben für ihr Land. Heute hatte sie einfach kein Glück. Ich bin mir aber sicher, dass sie im nächsten Jahr bei den Olympischen Spielen in Athen gewinnen wird“, sagte der Ministerpräsident und verschwand zu seiner nächsten Überraschung.

In Berlin hatte die rot-grüne Regierung Erdogan nämlich erst am Montag erwartet. Aber er war fast so schnell wie Süreyya Ayhan – und schon am Sonntagabend da.

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