Sport und Politik : Denken ja, ballern nein

Viele Parteien wollen Sport im Grundgesetz verankern. Doch der Begriff ist schwammig: Warum zählt Schach dazu, Poker und Paintball aber nicht?

Hannes Heine
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Krieg als Mannschaftssport. Nach dem Amoklauf von Winnenden forderten Politiker, dass Paintball verboten wird. Die Aktiven sehen...ddp

Berlin - Regungslose Schachspieler, blutende Boxer und behelmte Rennfahrer sind alles Sportler. Oder? Seit der Erfindung der Olympischen Spiele vor rund 3000 Jahren ist nicht geklärt, was genau Sport ist. Gehören Computerspielturniere dazu? Oder Paintball? Gegen beides wollten Konservative kürzlich rechtlich vorgehen. Was ist mit Poker? Was unterscheidet Sport eigentlich von Malen oder Musik? Und wer legt sowas fest? Schließlich wollen alle großen Parteien außer der CDU Sport nach der Bundestagswahl durch das Grundgesetz schützen lassen.

Heute gelten die meisten Bewegungs- und Spielformen als Sport. „Aus Befragungen ist bekannt, dass junge Leute manchmal Alltagsaktivitäten wie Treppensteigen zum Sport zählen“, sagt Silvester Stahl, Sportsoziologe an der Universität Potsdam. Dem steht ein engeres Verständnis gegenüber, das nur Bewegungen anerkennt, die nach messbaren Regeln ausgeführt werden müssen.

„Eine trennscharfe Definition gibt es nicht, durch neue Freizeittrends werden die Grenzen des Sports diffuser“, beobachtet Stahl. Im Sinne eines weiten Verständnisses sind Bewegungen dann sportlich, wenn die Akteure sie selbst als Sport ansehen. Hierzu zählt für viele Paintball, also das spielend-paramilitärische Beschießen des Gegners mit Farbkugeln.

Viele Menschen sehen Sport schlicht als Kulturgut, als Teil des Soziallebens: In bundesweit 90 000 Sportvereinen sind mehr als 27 Millionen Menschen registriert. Staatlicherseits sind die Innenminister für Sport zuständig, sie verweisen allerdings auf die Verbände: Was als Sport anzusehen sei, falle in die Zuständigkeit des Sports selbst und wird vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) getroffen, heißt es vom Bundesinnenministerium. Noch hat der DOSB das Deutungsmonopol über die Leibesübungen. Der staatlich geförderte Spitzenverband erklärt: „Die Ausübung der Sportart muss eine eigene, sportartbestimmende motorische Aktivität eines jeden zum Ziel haben, der sie betreibt.“ Diese eigenmotorische Aktivität liege bei Denkspielen nicht vor. Da die Ausübung dieser Aktivitäten außerdem noch ethischen Werten verpflichte sein müsse, gelten für den DOSB sowohl Computerspieler, die sich immerhin im E-Sport-Bund organisieren, als auch Paintballer nicht als Sportler. Merkwürdig: Schach ist vom DOSB anerkannt.

Christian Wopp, Spezialist für Trendsport an der Universität Osnabrück, sieht das folglich anders. Als Sport zu betrachten seien Bewegungs- und Spielformen zur Verbesserung des physischen, psychischen und sozialen Wohlbefindens sowie zur körperlichen und mentalen Leistungssteigerung. Entscheidend sei, dass Bewegungsaufgaben im Mittelpunkt stünden, sagt Wopp. Das unterscheide Sport von Rechnen oder Musizieren. Für Wopp ist also Schach kein Sport. Aber Paintball.

Und so verwundert nicht, dass Ulrich Stähr von der Deutschen Paintball Liga gekonnt ausführt, dass es sich bei der Ballerei mit Schutzmasken sogar um eine Sportart im traditionellen Sinne handelt: Paintball sei eine Mannschaftssportart wie Fußball, die Spiele würden meist auf öffentlichen Anlagen mit bundesweit mehr als 10 000 aktiven Sportlern ausgetragen. Immerhin, das deutsche Team hat kürzlich die Goldmedaille bei den World Games in Taiwan gewonnen. Die Paintballer bevorzugen offenbar die Definition des Hamburger Professors Claus Tiedemann, wonach Sport kulturelle Tätigkeiten sind, mit der Absicht, Fähigkeiten im Gebiet der Bewegungskunst zu entwickeln und sich mit anderen Menschen nach Regeln zu vergleichen. Beim Paintball versuchen Spieler unter Körpereinsatz, etwa geschicktem Nutzen der Deckungen, die Gegenmannschaft nach Regeln zu besiegen. Also: Sport.

Die Paintballer sind solidarisch und fordern, dass sogar E-Sport anerkannt werden müsse – schon allein weil nicht jeder Mensch in gleichem Maße zu körperlicher Aktivität in der Lage sei. Computerspieler weisen auf das Sportverständnis anderer Länder hin: In Asien und in den USA ist Sport am Computer anerkannt – in Südkorea genießt etwa das Strategiespiel Starcraft einen Stellenwert wie hierzulande Skisprung.

Die Computerzocker sehen viele Ähnlichkeiten mit klassischen Sportarten. Tobias Merklinghaus von Turtle Entertainment, einer Kölner Firma, die bundesweit Computerspielwettkämpfe organisiert, erklärt es so: „Das reicht von der Hand-Augen-Koordination bis hin zum taktischen Verständnis und physischer Fitness.“ Klingt fast nach Handball.

Nur beim Poker sind sich fast alle einig: Bei dem Kartenspiel spiele Glück eine zu große Rolle. Klingt irgendwie unsportlich.

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