Sport : Sportgeschichte: Bis zum letzten Hauch

Wolfgang Bausch

Der deutsche Sport erlebt zurzeit eine Neuauflage einer Diskussion, die ihn seit 1947 begleitet. Es geht um die Frage, wie der Sport seines Übervaters Carl Diem gedenken soll. Jenes Mannes, der seinen Zeitgenossen und Schülern als Humanist und Universalgenie des Sports in Erinnerung ist, anderen - so auch mir, der erst nach Diems Tod geboren wurde - als menschenlebenverachtender Militarist erscheint.

Als im Sommer vergangenen Jahres unser Buch als erste Monographie über Diem erschien, erhielt es einige freundliche Kritiken, Anerkennung, doch es drohte den Weg so vieler anderer Veröffentlichungen zu gehen, den ins Vergessen. Als der Deutsche Leichtathletik-Verband im März 2001 unter Berufung auf unser Buch seinen Ehrenpreis für verdiente Persönlichkeiten in der deutschen Leichtathletik, den "Diem-Schild", umbenannte, war die Empörung groß, unsere Schrift in aller Funktionärsmunde und wir zugegebenermaßen stolz darauf, etwas in Bewegung gebracht zu haben. Auf Seiten der Diem-Verehrer waren wir bald abgestempelt als Initiatoren einer "Rufmord-Kampagne". Anfangs lächelten wir über solchen Eifer, heute ist dies unerträglich. Warum? Ein Rückblick hilft weiter.

Zu Anfang des 20. Jahrhunderts beginnt der Aufstieg des Sports von einer Randerscheinung zum Massenereignis. In Deutschland ist diese Entwicklung untrennbar mit Diem verbunden. Egal ob Schulsport, Breitensport oder olympischer Spitzensport, egal ob Sportwissenschaft, Sportjournalismus oder Sportverwaltung, auf nahezu allen Gebieten war Diem bis 1933 prägend. Nach 1945 wird Diem Gründungsrektor der Deutschen Sporthochschule in Köln. Seinem Wirken und anschließend dem seiner Frau Liselott verdankt diese Einrichtung ihr weltweites Ansehen. Darüber ist er in Zeiten der (sport)-politischen Isolation Deutschlands einziger Repräsentant in der olympischen Welt, wird 1948 sogar als einziger Deutscher zu den Spielen nach London eingeladen.

Verständlich also, dass der Deutsche Sportbund seinen wichtigsten wissenschaftlichen Preis, den er verleiht, "Carl-Diem-Preis" nennt, verständlich auch, dass unzählige Straßen und Sporthallen nach ihm benannt sind. 1986 geht der damalige Präsident des Deutschen Sportbundes, Hans Hansen, sogar so weit, Diem zu jenen zu zählen, "deren Andenken vom DSB - auch wegen seines unerschütterlichen Kampfes gegen den gleichgeschalteten Sport des NS-Regimes - lebendig gehalten werden sollte".

Diem hat im NS-Regime keine Musterkarriere aufzuweisen. Anfangs wird er misstrauisch als Repräsentant des Bürgertums beäugt und von der NS-Presse attackiert. Doch Diem ließ sich in seinem Tatendrang und Ehrgeiz nicht bremsen. Als Hitler an die Macht kommt, bereitet Diem als Generalsekretär des Organisationskomitees die Spiele in Berlin 1936 vor. Als Hitler den Überfall auf Polen plant, arbeitet Diem als Generalsekretär der Winterspiele 1940, die erneut in Garmisch stattfinden sollten, der Propaganda-Lüge vom friedliebenden Deutschland zu. In den ersten Kriegsjahren versucht Diem als "Außenminister" des deutschen Sports die internationalen Sportverbände gleichzuschalten. Als Hitlers Armeen zurückgeschlagen werden, hält Diem Vorträge im Rahmen der Truppenbetreuung, in denen die Botschaft von "eiserner Pflicht, Kampf bis zum letzten Hauch" und "dauernder Selbstaufopferungsbereitschaft für das Vaterland" im Vordergrund steht. Als Hitler beschlossen hatte, das deutsche Volk müsse mit ihm ins Verderben stürzen und Berlin bis zur letzten Patrone verteidigt werden, steht Diem am 8. März 1945 im Kuppelsaal des Olympia-Geländes, um die Jugend zum finalen Opfergang zu ermutigen. Reinhard Appel, später Chefredakteur des ZDF, war als Hitlerjunge Zeuge dieses Aufrufs. "Schön ist der Tod, wenn der edle Krieger für das Vaterland ficht, für das Vaterland stirbt," so hat Diem in einem Manuskript seine Worte überliefert.

Verteidiger der Ehre Diems gibt es viele, wie Karl Lennartz, den Leiter des Carl und Liselott Diem-Archivs an der Deutschen Sporthochschule, oder deren ehemaligen Rektor Dietrich Reiner Quanz. Sie führen stets an, man müsse Diems Handeln aus seiner Zeit heraus verstehen. Jenes Handeln, zu dem nicht nur diese Rede gehört. Seinen Kriegseinsatz beschreibt Diem kurz nach Kriegsende in einem Brief so: "Ich habe noch einmal harte Kämpfe im Rahmen des Volkssturm-Bataillons durchgemacht, die an die tollsten Stunden der Durchbruchsschlacht des Jahres 1918 erinnerten."

Diem hat die fanatisierte und verführte Hitlerjugend auf den Opfertod und das Töten vorbereitet und selbst mitgemacht. Später nahm er dazu nie öffentlich Stellung. Wie soll man diesen Verlust an Humanität "aus der damaligen Zeit heraus" heute verstehen, vor allem jetzt, nach dem 11. September 2001? Der Deutsche Sportbund will eine Expertenkommission zu Diem einsetzen. Es ist nicht die erste Kommission dieser Art. Wieder werden Experten da sitzen, abwägen und denken: Aufruf zum Opfertod - wenn wir zum Sportabzeichen die Olympische Gesellschaft legen und die Sporthochschule - dann geht die gute Seite nach oben, dann dürfen wir weiter am Carl-Diem-Weg wohnen, den Diem-Preis vergeben.

Diem starb 1962. Bis heute hat es kein Sportwissenschaftler gewagt, eine Biographie zu verfassen. Wie soll eine Arbeitsgruppe in fünf oder auch zehn Sitzungen das schaffen, was sich keiner ihrer Zunft in 39 Jahren zugetraut hat? Expertengruppen gab es zu Genüge. In ihnen saßen meist die üblichen Verdächtigen, Diem-Verehrer oder Sporthistoriker des Typs Lennartz, der schon mal jede wissenschaftliche Distanz vergisst. Etwa als er Diems Sohn Carl-Jürgen zur Verteidigung seines Vaters einen Leserbrief vorformuliert - bestimmt für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und dort am 22.12.1995 unter dem Namen Carl-Jürgen Diem abgedruckt. "Wenn Sie nichts ändern", so Lennartz, "könnten Sie den Text auch so an die FAZ weiterfaxen, ohne ihn abzuschreiben."

Solche Anekdoten aus dem Diem-Archiv ließen sich beliebig fortsetzen, ob es um eigene Verfälschungen von Diem-Texten in den 60er und 70er Jahren geht, um "verschollene Dokumente", die mein Mitstreiter Achim Laude lose in einem Regal fand - just hinter jener Archivbox, in der sie stecken sollten -, oder um die Unterdrückung wesentlicher Dokumente, wie jene Handschrift der Rede vom 18. März 1945. Eine Abschrift des Stichwortzettels ist datiert auf den 6.11.1987. Erst sieben Jahre später wurde sie veröffentlicht. Auf die Bestellung von Experten wie Lennartz und Quanz sollte der deutsche Sport verzichten. Vielleicht finden sich ja Historiker außerhalb der Sportwissenschaft. Denn Diem-Kritik ist noch heute einer sportwissenschaftlichen Karriere in Deutschland abträglich.

Zum Leiter der Expertengruppe hat der DSB laut dpa den wohl einflussreichsten aller deutschen Sportwissenschaftler bestellt: Ommo Grupe, Diem-Schüler und Verteidiger seines Meisters. Bei allem Respekt vor diesem großen Sportwissenschaftler, er ist die klassische Fehlbesetzung, da befangen. Grupe stellte 1996 bei der Würdigung der Preisträger im Carl-Diem-Wettbewerb des DSB fest, dass diese "sicher sein können, dass sie im Namen einer großen und um den Sport verdienten Persönlichkeit geehrt werden".

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