Sporthilfe : Von der Hilfskraft zum Olympiasieger

600 Euro im Monat – damit musste auch Judoka Ole Bischof vor seiner Goldmedaille auskommen. Die Sporthilfe will eine Botschaft verbreiten: Der Sport hat es nötig.

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Arbeiter im Blaumann. Ole Bischof erkämpfte sich 2008 in Peking die Goldmedaille. Foto: dpadpa

Berlin - Wenn Ole Bischof eine Stellenanzeige für seinen Beruf aufgeben müsste, würde er nach jungen Menschen suchen, die jedes Jahr 15 bis 20 Wochen im Ausland verbringen können. In Russland, Weißrussland, Ukraine, China und Japan. Dort kämpfen sie dann gegen 150 starke Männer. „Man muss bereit sein, sich auf den Rücken werfen zu lassen“, sagt Bischof, „außerdem sollte es kein Problem darstellen, in kurzer Zeit vier bis fünf Kilo abzunehmen.“ Damit die Gewichtsklasse stimmt. Wer alle Anforderungen erfüllt, kann ein guter Judoka werden und vielleicht sogar wie Bischof Olympiasieger.

Mit ähnlichen Stellenanzeigen in Zeitungen und Zeitschriften macht die Stiftung Deutsche Sporthilfe gerade auf die Lage von deutschen Spitzenathleten aufmerksam. Sie sucht zum Beispiel nach Nordischen Kombinierern mit Toleranz für Temperaturen von minus 20 Grad, die auch gerne mit sperrigem Gepäck reisen. Lange Trennungen von der Familie werden vorausgesetzt, wie im Judo, wo nur der vorankommt, der sich regelmäßig in Trainingslagern mit den Besten misst. Die sind fast alle in Asien zu Hause.

Finanziell dürfen die Spitzensportler dagegen nicht allzu viel erwarten. „Wir haben eine repräsentative Erhebung unter unseren Athleten gemacht. Das Ergebnis lautet: Bei 60 Wochenstunden im Schnitt haben sie nicht mehr als gut 600 Euro pro Monat als verfügbares Einkommen“, sagt Werner Klatten, der Vorstandsvorsitzende der Sporthilfe. Die Deutsche Sporthochschule in Köln hat im Auftrag der Sporthilfe herausgefunden, dass der kalkulierte Stundenlohn der Spitzenathleten bei 7,38 Euro liegt.

Der Sport hat es nötig – diese Botschaft will die Sporthilfe verbreiten. Gerade die olympischen Disziplinen jenseits der populären Ballsportarten. Aus denen stammen die meisten der 3800 Athleten, die von der Sporthilfe unterstützt werden, es sind Ruderer, Schwimmer, Wasserballer, Bogenschützen und viele andere. Für sie zahlt sich meist nur der Gewinn einer Goldmedaille aus. Das haben zum Beispiel die Kanuten Ronald Rauhe und Tim Wieskötter erfahren müssen. 2004 waren sie in Athen Olympiasieger geworden, nach den Spielen 2008 aber verloren sie ihre beiden großen Sponsorenverträge – sie hatten in Peking Platz zwei belegt. Dass sich oft nur der Sieg lohnt, beschäftigt auch Judoka Ole Bischof. „In den olympischen Sportarten kommen wir langsam in eine schwierige Situation“, sagt er. Immer weniger junge Athleten seien bereit, das Wagnis Leistungssport einzugehen. „Es passiert ständig, dass jemand aufhört, weil er sich den Sport nicht leisten kann“, sagt Bischof.

Mit ihrer Kampagne bereitet die Sporthilfe eine Spendenaktion vor, um Athleten besser fördern zu können. Mehr Geld, mehr Leistung, das ist die Logik der Sporthilfe. Dass etwa in seiner Sportart auch Athleten aus wirtschaftlich schwächeren Ländern erfolgreich sind, weil der Hunger auf der Erfolg offenbar größer ist, will Bischof nicht als Argument gegen das Konzept gelten lassen: „Wenn man die besten haben will, muss man fördern. Wir reden ja nicht von Summen wie bei den Managergehältern. Und wo kann man noch so günstig Vorbilder aufbauen wie im Sport?“

Von möglichen Verbesserungen bei der Förderung wird Bischof wohl nichts mehr mitbekommen, nach den Olympischen Spielen in zwei Jahren in London möchte er seine Karriere beenden. Die Kampagne der Sporthilfe unterstützt er trotzdem. „Ich kann mich sehr gut mit der Aussage identifizieren, dass Athleten mit 600 Euro auskommen müssen. Das ging mir selber mehrere Jahre so.“

Bis zu seinem Olympiasieg 2008 haben ihm seine Eltern 350 Euro für die Miete gegeben, 200 Euro kamen von der Sporthilfe, den Rest zum Leben verdiente er sich als studentische Hilfskraft an der Universität und als Jugendtrainer im Judo dazu, mit einem Stundenlohn von etwa 10 Euro. „Wir Sportler können nicht in einer verrauchten Kneipe kellnern. Wir können auch nicht nachts arbeiten. Das verträgt sich nicht mit unserem Training“, sagt er. 25 Stunden in der Woche muss er ohnehin für das Training freihalten.

In diesem Jahr will der 30-Jährige seinen Diplomstudiengang in Volkswirtschaft abschließen. „Andere sind mit 26 Jahren schon mit ihrem Studium fertig, ich konnte das nicht, weil ich trainieren und jobben musste“, sagt er. Und er sei dabei vergleichsweise gut dran. „Als Olympiasieger kann ich die lange Studiendauer noch rechtfertigen.“

Die Goldmedaille von Peking hat Ole Bischof auch finanziell Entspannung verschafft. Sie verhilft ihm jetzt zum Monatseinkommen eines studierten Berufseinsteigers – zumindest so lange er seinen Sport betreibt. 450 Euro Eliteförderung bekommt er jeden Monat von der Sporthilfe, dazu Geld von einigen Sponsoren. Sogar ein Grundstück wurde ihm von einem Förderer nach seinem großen Erfolg versprochen, daraus ist jedoch nichts geworden. Dafür hat ihm ein Unternehmen ein Jahr lang seine Stromrechnung bezahlt. Bischof sagt: „Ich bin einer der wenigen, die es durch das Nadelöhr geschafft haben.“

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