Sportklettern : Ein kaum zu bewältigendes Hindernis namens Olympia

Klettern wird olympisch. Das kostet viel Geld und zieht immense organisatorische Probleme nach sich, wie sich auch in Berlin zeigt.

Spitzenkletterei. Juliane Wurm aus Halle an der Saale war jahrelang eine der besten Deutschen im Sportklettern. Foto: Lukas Barth/dpa
Spitzenkletterei. Juliane Wurm aus Halle an der Saale war jahrelang eine der besten Deutschen im Sportklettern. Foto: Lukas...Foto: picture alliance / dpa

Es war ein ziemliches Gewusel am gestrigen Samstag bei den Berliner Landesmeisterschaften im Bouldern in Tempelhof. Arnold Behr war, wie schon bei der Organisation in den Tagen zuvor, schwer damit beschäftigt, etwas Ordnung in das Chaos zu bekommen. Dabei hätte Behr in diesen Tagen eigentlich total entspannt sein müssen. Der 68-Jährige ist erst vor wenigen Tagen aus Patagonien zurückgekommen. Patagonien liegt in den Anden in Südamerika und ist der Himmel auf Erden für passionierte Bergsportler, wie Behr einer ist. Doch Behr ist alles andere als entspannt seit seiner Ankunft in Berlin. „Es ist ein Wahnsinn, es ist bekloppt“, schimpft er.

Behr musste als Vorsitzender des Landesverbandes Berlin des Deutschen Alpenvereins (DAV) zuletzt viel Papierkram erledigen, neuen Papierkram, denn Landesmeisterschaften im Bouldern sind auch für ihn, der seit mehr als 30 Jahren Mitglied im DAV ist, immer noch Neuland. Bouldern ist in Deutschland wenigen und selbst im Klettern noch nicht allen ein Begriff. Es ist eine junge Disziplin, erst 1998 wurde sie offiziell vorgestellt. Bouldern kommt aus dem Englischen und heißt übersetzt Felsblock. Beim Bouldern wird ohne Zuhilfenahme eines Seils oder eines Klettergurts an Felsblöcken oder an künstlichen Kletterwänden entlanggehangelt. Es geht nicht darum, in schwindelerregende Höhen zu gelangen, sondern um das Bewältigen kniffliger Hindernisse recht knapp über dem Boden.

Bouldern wäre nicht das große Thema in der Kletterszene, und sehr wahrscheinlich müsste sich auch Arnold Behr nicht damit beschäftigen, hätte nicht das Internationale Olympische Komitee (IOC) im August verkündet, dass das Sportklettern 2020 olympisch wird und dass Bouldern neben Lead- und Speedklettern eine Teildisziplin sein wird.

„Natürlich ist die Aufnahme in das olympische Programm ein Ritterschlag“, sagt Behr. Aber nicht nur aus seiner Sicht, sondern aus Sicht der meisten Bergsportler ist das olympische Sportklettern mit der Gesamtwertung aus Bouldern, Lead- und Speedklettern ein bekloppter Wahnsinn. Dabei hatten sie beim DAV vor Jahren den Olympiaplänen des IOC grundsätzlich zugestimmt. „Wahrscheinlich haben wir beim Verband die ganze Bandbreite der Konsequenzen von Olympia nicht erfasst“, sagt Behr.

„Das ist alles mit heißer Nadel gestrickt“

Zu den Konsequenzen zählt zum einen, dass das Sportklettern nun komplett umgekrempelt werden muss. Die Kombination der Disziplinen Bouldern, Lead- und Speedklettern hat es im Sportklettern bisher so nicht gegeben. Behr und so ziemlich alle, die Ahnung vom Klettern haben, halten diese Kombination für großen Unsinn. Vor allem Speedklettern hat nicht viel mit den beiden anderen Disziplinen zu tun. Das heißt auch: Es gibt bislang kaum Sportkletterer sowie Wettbewerbe in diesem Dreikampf. Das soll, das muss jetzt alles anders werden. 2020 sind die Olympischen Spiele in Tokio und bis dahin soll sich dieses neue Wettkampfsystem etabliert haben. „Das ist alles mit heißer Nadel gestrickt“, sagt Behr.

Problematischer noch als die Zusammenführung dieser drei Kletterdisziplinen ist für den DAV aber die finanzielle Belastung, die sich aus der Olympiawerdung des Kletterns ergibt. Um ein neues Fördersystem zu schaffen, bedarf es Personal und Trainingsstätten. Das wiederum kostet viel Geld – was dem DAV fehlt. Behr zum Beispiel verlangt von seinen Mitgliedern der Sektion Alpin-Club Berlin eine Gebühr von 72 Euro im Jahr. In ähnlichen Größenordnungen bewegen sich auch die Beiträge der bundesweiten DAV-Mitglieder. Die Mittel sind in erster Linie für die Pflege von Berghütten und deren kostengünstige Nutzung gedacht. Für den Aufbau von Sportförderstrukturen ist nur wenig da. „Das ist mit einem riesigen Kostenaufwand verbunden.“ Vom Bundesministerium des Inneren oder dem Deutschen Olympischen Sportbund hat der DAV bislang nichts gehört in Sachen Finanzierung. Als neuer Verband im olympischen Sport tue man sich schwer, erklärt Behr. „Da wird man nicht prioritär behandelt.“

Beim DAV jedenfalls herrscht keinesfalls mehr große Begeisterung darüber, dass Klettern olympisch wird. „Die Bedenken nehmen zu“, sagt Behr. „Zumal wir ja gar nicht wissen, ob das Ganze nachhaltig ist, ob Klettern nach Tokio 2020 olympisch bleiben wird.“ Tatsächlich wäre dies der Gau für den DAV: Die Installierung eines aufwendigen und teuren Fördersystems, das nach den Spielen 2020 wieder eingedampft wird. Dann wäre die Arbeit, die auch Behr in diesen Tagen leistet, mehr oder weniger umsonst.

So bemüht er sich nun zum Beispiel um eine Annäherung von Berliner DAV und Boulder-Kletterern. Es gibt zehn Boulder-Hallen in Berlin, keine gehört dem DAV. „Die Boulder-Bewegung haben wir bisher verpennt“, sagt Behr. Doch bei all den Anstrengungen hat er immer im Hinterkopf, dass der olympische Spuk ohnehin bald wieder vorbei sein könnte. Hinzu kommt, dass die Hallenkletterer von den alteingesessenen DAV-Leuten ohnehin mehr geduldet als geschätzt werden. Das alles sind keine guten Voraussetzungen für eine fruchtbare Zusammenarbeit – sowie für die Erfolgsaussichten deutscher Kletterer in Tokio.

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