Sportler des Jahres : Nerius, Biedermann und die Fußballfrauen sind die Besten

Zwei Weltmeister und eine Europameistermannschaft holen sich in Baden-Baden die Trophäen als deutsche Sportler des Jahres. Drei Porträts.

Friedhard Teuffel[Frank Bachner],Helen Ruwald
Gala zur Bekanntgabe der Sportler des Jahres 2009
Die Besten. Schwimmer Paul Biedermann und Speerwerferin Steffi Nerius sind die Einzelsportler des Jahres. Zur besten Mannschaft...Foto: dpa

Steffi Nerius: Weiter als der Speer



Ende November ist Steffi Nerius noch mal Weltmeisterin geworden, fünf Mal sogar. So viele Titel haben die von ihr betreuten Athleten bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften der Behinderten in Bangalore gewonnen. Als Sportler und Trainer in einem Jahr Weltmeister – das hat nicht einmal Franz Beckenbauer geschafft. Dass dieses Jahr nun bald zu Ende ist, könnte Steffi Nerius beruhigen. Denn allmählich dürfte es der 37-Jährigen unheimlich werden, was alles an Erfolgen und Ehrungen auf sie einstürzt. Den Titel bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften im eigenen Land hat sie geholt. Als „Champion des Jahres“ ist die Speerwerferin ausgezeichnet worden, was ihr besonders viel bedeutet und sie sogar zu Tränen gerührt hat, weil dieser Preis von ihren Sportkollegen verliehen wird. Beim Sportpresseball ist sie als „Sportlerin mit Herz“ geehrt worden. Und jetzt die Wahl durch Journalisten zur „Sportlerin des Jahres“.

Es ist so viel der Ehre, weil sie zwei Dinge miteinander verbunden hat: sportlichen Erfolg und Engagement im Behindertensport. Einmal wollte Nerius Gold bei einer WM gewinnen, bei ihrer letzten hat sie es geschafft. Gleich mit ihrem ersten Versuch konnte sie die Konkurrentinnen im August im Berliner Olympiastadion einschüchtern, nach einem Flug von 67,30 Meter war ihr Speer gelandet. Ein goldenes Lebenszeichen für die deutsche Leichtathletik, die bei den Olympischen Spielen von Peking noch so blass ausgesehen hatte. „Es war der Wettkampf meines Lebens“, sagt sie.

Die Aufgabe ihres Lebens ist offenbar die Arbeit mit behinderten Sportlern. In ihrem Sportstudium hatte sie den Schwerpunkt auf Rehabilitationssport gelegt, seit einigen Jahren arbeitet Nerius schon als Trainerin in Leverkusen mit behinderten Athleten, erst halbtags neben ihrer eigenen sportlichen Karriere. Nachdem sie im September ihre letzten offiziellen Würfe als Berufsspeerwerferin in den Himmel geschleudert hat, ist es nun ihr Hauptberuf. Zu ihren Sportlern gehört der kleinwüchsige Mathias Mester, der in Bangalore Gold im Diskus- und Speerwerfen gewonnen hat und im Kugelstoßen die Silbermedaille. Gerade sein Erfolg im Speerwerfen wird Nerius allerdings noch etwas Arbeit machen. Denn als erster Kleinwüchsiger hat Mester weiter als 40 Meter geworfen, 40,63 Meter, und Nerius hatte ihm fürs Übertreffen der 40 Meter versprochen, eine Woche lang seine Wohnung zu putzen.

Um ihre Arbeit im Behindertensport macht Nerius keine großen Worte, überhaupt hält sie sich mit dem Reden norddeutsch zurück, sie kommt von der Insel Rügen. Bei Reisen mit der Nationalmannschaft hat sie mit der Diskuswerferin Franka Dietzsch eine Ostsee-Wohngemeinschaft gebildet, Dietzsch stammt aus Usedom. In den vergangenen Jahren ist es dabei meist so gewesen: Eine kommt mit einer Goldmedaille aufs Zimmer zurück. 2005 bei der WM in Helsinki war es Dietzsch, ein Jahr später bei der EM in Göteborg dann Nerius, 2007 bei der WM in Osaka wieder Dietzsch und bei dieser WM in Berlin, der letzten in der Karriere der beiden Werferinnen, nun Nerius. „Um halb sieben morgens kam sie vom Feiern und hat sich erst mal mit ihren Sportklamotten auf mich geschmissen“, erzählt Dietzsch über die Nacht nach dem WM-Sieg. An Nerius schätzt sie, „dass sie ein sehr ehrlicher Mensch ist. Sie sagt dir auf den Kopf zu, was ihr gefällt und was nicht.“ Außerdem habe Nerius es geschafft, genau im richtigen Moment aufzuhören, nach ihrer Goldmedaille in Berlin. Genau im richtigen Moment auch, um ihre behinderten Athleten hauptberuflich auf ihre WM vorbereiten zu können.

Paul Biedermann: In die Weltspitze gepflügt

Wassertropfen perlten noch an seinem Schwimmanzug, als Paul Biedermann am Beckenrand seine Botschaft verkündete: „Das ist die Krönung.“ Er meinte den Weltrekord über 200 Meter Freistil beim Kurzbahn-Weltcup in Berlin im November. Sein zweiter Weltrekord in Berlin. Den ersten hatte er einen Tag zuvor aufgestellt, über 400 Meter Freistil. Biedermann, 23, aus Halle an der Saale, war zwischen Juni und November atemberaubend in die Weltspitze gepflügt. Er schwamm vier Weltrekorde, er wurde in Rom zweimaliger Weltmeister. Dabei hatte Biedermann zuvor wochenlang nicht trainieren können, weil in seinem Körper das Pfeiffersche Drüsenfieber tobte. Und dann Monaco, im Juni, der Paukenschlag. Quasi aus dem Nichts schwamm Biedermann Europarekord über 200 Meter Freistil. „Ach du Scheiße“, entfuhr es seinem Trainer Frank Embacher. Viel mehr fiel ihm nicht ein. Erklären konnte man 2009 einiges nicht so richtig bei Biedermann, nur staunen. Bei der WM in Rom löschte er die Weltrekorde von zwei Schwimm-Legenden (Michael Phelps, 200 Meter Freistil; Ian Thorpe, 400 Meter Freistil). Phelps hing nach dem 200-Meter-Freistil-Finale fassungslos an der Trennleine, Thorpe dürfte zu Hause in Australien vom Sessel gefallen sein. Denn Biedermann hatte sich allein zwischen Vor- und Endlauf um drei Sekunden gesteigert. „Trainingswissenschaftlich habe ich dafür keine Erklärung“, sagte der langjährige Bundestrainer Manfred Thiesmann. Auch die neuen Hightech-Anzüge genügten ihm nicht als Erklärung. Biedermann schon; Mutmaßungen über Doping wies er empört von sich. Aber die Weltrekordflut durch die neuen Anzüge hat ab 2010 sowieso ein Ende. Dann sind die Hightech-Teile verboten, Biedermann begrüßt das Ende der Materialschlacht.

Frauenfußball-Nationalmannschaft: Aufbruchsjahr der Seriensieger

Wieder mal Europameister, zum siebten Mal bei den vergangenen acht Turnieren. Dass die deutschen Fußballnationalspielerinnen die EM als Sieger verlassen, gilt in der Öffentlichkeit schon fast als selbstverständlich. Wer sonst soll gewinnen? Kaum einer weiß noch, wo die EM im September stattfand (in Finnland), wer der Finalgegner war (England) und wie das Endspiel ausging (6:2). Die Weltmeisterjahre 2003 mit dem Golden Goal von Nia Künzer und 2007 mit der unbezwingbaren Torhüterin Nadine Angerer haben sich ins Gedächtnis eingebrannt, aber 2009? Doch auch oder gerade Seriensiege verdienen eine Würdigung. Die Dominanz in Europa ist das Ergebnis harter Arbeit, exzellenter Nachwuchsförderung und hochprofessioneller Bedingungen im Umfeld des DFB-Teams. Bundestrainerin Silvia Neid versteht es zudem, immer wieder junge Spielerinnen wie Simone Laudehr, Kim Kulig und Fatmire Bajramaj in das Team um Birgit Prinz einzubauen.

2009 stand nicht nur für die Wiederholung alter Triumphe, sondern auch für Aufbruchstimmung. Es wird als das Jahr im Gedächtnis bleiben, in dem 44 825 Fans, angestachelt von einer riesigen PR-Maschinerie, zu einem Freundschaftsspiel gegen die USA pilgerten und Frauenfußball erstmals in Deutschland in diesem Ausmaß als Event zelebriert wurde – ein Vorgeschmack auf die WM 2011 im eigenen Land. Im Oktober lief der Ticketverkauf für die WM an, binnen vier Wochen gingen mehr als 140 000 Kartenbestellungen ein – für ein Turnier in eineinhalb Jahren. Einzelne Spielorte waren schnell überbucht, das Los musste entscheiden. Bis vor kurzem war ein solches Szenario undenkbar. Es ist nur deshalb erstaunliche Realität, weil die deutschen Spielerinnen so oft begeisternde Spiele zeigen und Siege in Serie feiern. So wie den EM-Titel von Finnland, den siebten bei acht Turnieren seit 1989.

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