Sport : Sportler für den Frieden

Ganz Israel feiert den Olympiasieger Gal Fridman

Benedikt Voigt[Athen]

Manchmal sind die Fragen wichtiger, die nicht gestellt werden. Gal Fridman wird nicht gefragt, wie er die besonderen Sicherheitsmaßnahmen für sein Team im Olympischen Dorf empfindet. Er wird auch nicht gefragt, was er davon hält, dass der iranische Judoka wohl aus politischen Gründen nicht gegen seinen israelischen Gegner angetreten ist. Und er wird nicht nach der Feier gefragt, mit der die israelischen Sportler in Athen der elf Opfer der Geiselnahme bei den Olympischen Spielen von München gedacht haben. Man will von ihm wissen: „Werden Sie mit dem gleichen Surfbrett auch in Peking antreten?“

Der Windsurfer Fridman hat Israels erste Goldmedaille bei Olympia gewonnen. Es ist ein schönes Gefühl für ein Land, das Schlagzeilen im Politikteil der Zeitungen schreibt. „Die Medaille wird nicht unsere Probleme mit Arabern und Palästinensern lösen“, sagt der Presseattaché der israelischen Olympiamannschaft Gur Steinberg, „aber sie hat die Politik für 24 Stunden von der ersten Seite verdrängt.“ Das ist Fridmans größter Erfolg.

Sein entscheidendes Rennen hat das ganze Land live im Fernsehen gesehen. „Ich glaube, dass es noch nie eine so hohe Einschaltquote in Israel gegeben hat“, sagt Steinberg. Als der Judoka Ariel Zeevi in der vergangenen Woche Bronze erkämpfte, stimmten die israelischen Fans bei der Siegerehrung spontan die Nationalhymne Hatikvah, Hoffnung, an. Am Mittwochabend ertönte die Hymne erstmals offiziell. Seit 1952 hat das Land auf dieses Ereignis gewartet.

„Alle Israelis sind jetzt glücklich“, sagt Fridman. Und nicht nur die. „Ich repräsentiere alle Juden.“ Er weiß, dass er zum Idol aufgestiegen ist. Schon in Atlanta hatte er Bronze gewonnen, der Erfolg von Athen wird ihn auf die Poster in Israels Kinderzimmer bringen. Die Regierung wiegt das Gold mit einer Prämie von 100 000 Euro auf, sein monatliches Gehalt durch die Sporthilfe steigt auf 1000 Euro. Doch seine Medaille bedeutet auch etwas außerhalb Israels. „Ich habe der Welt gezeigt, dass wir gut im Sport sind“, sagt Fridman.

Seitdem 1972 elf Athleten in München durch palästinensische Terroristen starben, sind Olympische Spiele für Israel mit Trauer verbunden. In der Schule gehören die Ereignisse von München zum Lehrplan. Jährlich findet in Israel eine Gedenkfeier statt. Der Sieg hilft den Israelis nun bei ihren Bemühungen, eine neue Normalität zu spüren. „Hier in Athen geht es nicht um Politik“, sagt der Presseattaché. „Hier geht es nur um Sport.“ Um das zu bekräftigen, zeigt der Sprecher auf eine Anstecknadel, die er sich auf seine Akkreditierung geheftet hat. Sie zeigt die Olympischen Ringe, daneben steht der Schriftzug: Katar. „Ich habe die Anstecker mit einem Sportler aus Katar getauscht, er hat dafür einen israelischen bekommen“, sagt Steinberg. „Bei inoffiziellen Kontakten haben wir keine Probleme“, sagt Steinberg.

Der Presseattaché bedauert, dass die Spiele in Athen bald vorbei sind. Denn was in der nächsten Woche passiert, kann Gur Steinberg bereits heute vorhersagen. „Dann kehrt die Politik zurück.“

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