Sportler mit Botschaft : Eine Bühne für alle

Man nennt sie Exoten, doch bei vielen Athleten aus kleinen Ländern stimmt, was sonst eher ein Klischee ist: Sie haben wirklich eine Botschaft, die über den Sport hinausgeht.

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Noor Hussain Al-Malki aus Katar (l.) ist trotz ihrer Verletzung ein Vorbild für viele Frauen.
Noor Hussain Al-Malki aus Katar (l.) ist trotz ihrer Verletzung ein Vorbild für viele Frauen.Foto: AFP

Sie hatte sich aus dem Startblock katapultiert, sie wollte unbedingt ein schnelles Rennen liefern. Aber dann war der 100- Meter-Sprint für Noor Hussain Al-Malki schon nach fünf Metern zu Ende. Ein Oberschenkelmuskel war gerissen, sie musste zum Ausgang humpeln. Wie viele Frauen in diesem Moment in ihrem Land enttäuscht aufgeschrieen haben, ist schwer einzuschätzen. Vermutlich werden nicht allzu viele die Olympischen Spiele live am Fernseher verfolgt haben.

Aber schon die paar Minuten auf der größten Bühne haben gereicht für Noor Hussain Al-Malki. Sie war am Start, das war das Wichtigste für sie und für viele Frauen in Katar. Die 17-jährige Sprinterin war eine der vier Sportlerinnen, die zum ersten Mal Katar bei Olympischen Spielen repräsentieren durften. Nach ihrer Nominierung fürs Olympiateam hatte sie glücklich verkündet: „Ich möchte allen Mädchen und Frauen in Katar mitteilen, dass Sport eine sehr gute Sache ist.“

Noor Hussain Al-Malki ist einer der vielen Exoten, die Olympia bereichern. Viele tauchten kurz im Schwenkbereich der Kameras auf und verschwanden wieder. Oder sie tauchten auf, Menschen, die man bis dahin nicht kannte, und hatten Erfolg. Alle haben sie eine Geschichte. Sie sind politische Symbole oder kämpfen um sozialen Aufstieg oder sie haben einfach nur Riesenspaß, weil zu Hause die halbe Nation mit einem fiebert, der es bis zu Olympia geschafft hat.

Maziah Mahusin rannte in ihrem Vorlauf über 400 Meter acht Sekunden nach der Siegerin ins Ziel, eine der vielen Athletinnen also, die unbeachtet in die Katakomben gingen. Na und? Sie hatte bereits mehr als eine Milliarde Zuschauer. Vor den Fernsehschirmen auf der ganzen Welt sahen die Menschen Maziah Mahusin, die chancenlose 400-Meter-Läuferin. Denn die Leichtathletin durfte bei der Eröffnungsfeier die Fahne von Brunei tragen: Sie, die erste Frau, die Brunei überhaupt für Olympia nominiert hat.

Und Maziah Mahusin steht, wie Noor Hussain Al-Malki auch, für den wichtigste Fortschritt bei diesen Spielen: Erstmals waren in allen Teams Frauen vertreten. Frauenboxen zum Beispiel ist jetzt auch olympisch. Mary Kom Hmangte aus Indien kämpfte im Fliegengewicht, der Klasse bis 51 Kilogramm. Eine 29-jährige Mutter von vierjährigen Zwillingen, die kämpfte, um ihrem bisherigen Leben zu entfliehen und anderen, denen es noch schlechter geht, eine Perspektive zu geben. Mary Kom Hmangte stammt aus einer Kleinstadt im Nordosten Indiens, sie kommt aus einem Alltag mit Armut und sozialen Problemen. In dem Trainingscamp, in dem sie sich vorbereitete, gab es nur Reis und Gemüse und einmal im Monat Fleisch. Sie wusch ihre Kleider von Hand, aber sie sagte, es seien gute Bedingungen. Sie boxte, um Werbung für ihren Sport zu machen. Sie hat in ihrer Heimatstadt ein Trainingszentrum eröffnet. Kinder können kostenlos trainieren, sie bekommen Perspektiven und Selbstbewusstsein. Aber Mary Kom Hmangte benötigt Geld für das Camp. Sie kämpfte in London auch um die Aufmerksamkeit der Medien und der Menschen in ihrem Land. Erfolg konnte sie schon mal bieten: Die 29-Jährige gewann Bronze.

Bronze hatte sich auch Rohullah Nikpah gesichert, im Taekwondo, in der Klasse bis 68 Kilogramm. Es ist eine dieser Medaillen, die ein Sportler seinem Land widmet. Oft sind solche Botschaften Floskeln, aber im Fall Nikpah war es verdammt ernst gemeint. Nikpah sagte: „Natürlich sind Medaillen für alle Länder wichtig. Aber für Afghanistan besonders.“ Der 25-Jährige gehört zur schiitischen Minderheit der Hazara, er musste mit seinen Eltern vor den Taliban fliehen, als er zehn war. In einem Flüchtlingslager im Iran wuchs er heran und kämpfte für die afghanische Exilmannschaft. 2004 kehrte er nach Kabul zurück, 2008 gewann er seine erste Bronzemedaille, Afghanistans erste olympische Medaille. Präsident Hamid Karzai schenkte ihm Haus und Auto, aber Nikpah hatte vor allem einen Wunsch. Einen, der sich in London nicht geändert hatte: „Ich hoffe, dieser Erfolg sendet eine Botschaft des Friedens in mein Land.“

Dann gab es aber auch Typen wie Itte Detenamo aus Nauru, einer Insel im Pazifik, 21 Quadratkilometer groß, auf der sich 10 000 Menschen verteilen. Gefühlt die Hälfte davon sind Gewichtheber. Jedenfalls bekommt man, wenn man sich mit Nauru beschäftigt, den Eindruck, dass quasi jeder, der älter als acht Jahre ist, auf Nauru an den Hanteln arbeitet. Itte Detenamo, 151 Kilogramm schwer, belegte in der Klasse über 105 Kilogramm Rang 14. Sein Vater ist Präsident des Nationalen Olympischen Komitees und war Gewichtheber, sein Bruder ist Gewichtheber, seine ältere Schwester ist Gewichtheberin. Itte Detenamo trainiert sechs Stunden am Tag, er hebt Hanteln, seit er zehn Jahre alt ist. Sein Hobby? Rumhängen mit Familie und Freunden.

Der afghanische Olympiadritte Nikpah will vor allem eines: endlich Frieden für sein Land

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