Sport : Sportliches Liebeslied

Nord- und Südkorea wollen künftig bei Olympischen Spielen mit einer Mannschaft antreten – das weckt politische Hoffnungen

Harald Maass[Peking]

Ihre Flagge wird das ungeteilte Korea zeigen, blau auf weißen Hintergrund. Statt einer Nationalhymne wird „Arirang“ erklingen, ein traditionelles koreanisches Liebeslied. Erstmals seit dem Koreakrieg wollen Nord- und Südkorea bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking mit einer gemeinsamen Mannschaft antreten. Eine entsprechende Vereinbarung trafen in dieser Woche Sportfunktionäre der ehemaligen Kriegsgegner am Rande der Ostasienspiele in Macau. Bereits im kommenden Jahr bei den Asienspielen in Doha (Katar) wollen Seoul und Pjöngjang mit einem Team antreten.

Für die beiden Koreas geht es um mehr als Sport. Die Entsendung einer gemeinsamen Mannschaft sei „ein historischer Durchbruch“, kommentierte die südkoreanische „Korea Times“. Viele Koreaner träumen von einer Wiedervereinigung des seit 1945 geteilten Landes. „Wir sind alle Brüder – ein Geist und eine Seele“, erklärte der Sprecher des südkoreanischen Nationalen Olympischen Komitees, Park Sung Il. „Und wir sind zuversichtlich, dass wir durch Sport die beiden Koreas zusammenbringen können.“

Wie einst Deutschland wurde Korea nach dem Zweiten Weltkrieg von den Großmächten zweigeteilt. Im kommunistischen Norden entstand mit Hilfe Moskaus die Demokratische Volksrepublik Korea, heute eine der schlimmsten Diktaturen der Welt. Der von den USA unterstützte Süden rief die Republik Korea aus, die später eine Demokratie wurde. Die Spaltung Koreas fiel sehr viel härter und schmerzhafter aus, als sie in Deutschland je war. Bis heute gibt es zwischen den beiden Koreas keine Telefon- oder Briefverbindungen, Reisen in den anderen Landesteil sind so gut wie unmöglich. Tausende Familien, die während des Koreakriegs (1950 bis 1953) getrennt wurden, haben seit einem halben Jahrhundert keine Informationen von ihren Angehörigen.

Wenig verwunderlich ist da, dass die Verhandlungen über eine gemeinsame Olympiamannschaft mehr als 40 Jahre gedauert haben. 1963 diskutierten die Sportfunktionäre aus dem Norden und Süden zum ersten Mal darüber, mit einem Team bei den Spielen 1964 in Tokio anzutreten. Nach drei Verhandlungsrunden wurden die Gespräche ohne Einigung abgebrochen. Vor den Spielen in Los Angeles 1984 wurde ein neuer Anlauf gestartet, der aber am Boykott der Ostblock-Staaten scheiterte. Als 1988 die Spiele in Seoul stattfanden, verlangte Pjöngjang, dass die Hälfte aller Wettkämpfe im Norden ausgetragen werde. Südkorea lehnte ab. Fortschritt gab es 1991, als beide Koreas bei der Tischtennis-Weltmeisterschaft mit einem gemeinsamen Team antraten. Bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney und 2004 in Athen liefen die Athleten aus Nord- und Südkorea immerhin zur Eröffnungsfeier gemeinsam ins Stadion. Bei den Wettkämpfen starteten sie getrennt.

Für Südkoreas Regierung, die sich seit Ende der Neunzigerjahre um eine politische Annäherung bemüht, könnte der gemeinsame Auftritt 2008 ein Durchbruch werden – wenn Pjöngjang Wort hält. Nordkoreas Regime ist bekannt dafür, dass es Verträge bricht und Abkommen nicht einhält. Dass Pjöngjang ausgerechnet einer gemeinsamen Mannschaft zugestimmt hat, mag an der politischen Situation liegen. Kims Regime ist wegen seiner Atomwaffenpläne unter Druck und deshalb um die Gunst des Auslandes bemüht. Vor einigen Wochen durften erstmals als „Abgeordnete“ benannte Nordkoreaner nach Seoul reisen.

Ob die olympischen Träume der Koreaner Wirklichkeit werden? Viele Südkoreaner sind skeptisch. In Nordkoreas Propaganda ist der Süden bis heute der Klassenfeind, der mit Militärgewalt zerschlagen werden muss. Auch ist sportpolitisch einiges unklar, etwa die Zusammensetzung der gemeinsamen Mannschaft und die Organisation des Trainings. In der Vergangenheit bestand Nordkorea auf der Hälfte aller Startplätze, obwohl die südkoreanischen Athleten stets ein Vielfaches an Medaillen gewinnen. Anfang Dezember wollen beide Sportverbände in der nordkoreanischen Stadt Kaesong Verhandlungen aufnehmen. „Es wird schwierig für die Trainer werden, die Sportler auszuwählen“, sagte Südkoreas Basketball-Nationaltrainerin, Park Chan Sook, der „Korea Times“. „Aber es ist klar, dass wir zusammen auch stärker sein können.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar