• Sportmuseum Berlin: Ausstellung ohne Raum - Zum 75-jährigen Bestehen Suche nach einem geeigneten Standort

Sport : Sportmuseum Berlin: Ausstellung ohne Raum - Zum 75-jährigen Bestehen Suche nach einem geeigneten Standort

Martin Kaluza

Der Mann mit dem angegrauten Historikerbart deutet auf ein Paar bekritzelte Turnschuhe mit gelben Streifen. "Das ist der aktuelle Weltrekord im Marathon der Frauen", erklärt er seinen Zuschauern, "1999 in Berlin gelaufen." Nach 2:20:43 Stunden war die Kenianerin Tegla Loroupe letztes Jahr auf dem Kudamm durchs Ziel gelaufen und hatte damit ihren schon bestehenden Weltrekord nochmal um vier Sekunden unterboten. In diesen Schuhen. Gerd Steins dreht sich nach der Museumsleiterin um: "Von dem Weltrekord der Männer 1998 haben wir auch etwas, oder?"

Nur eine Handvoll Besucher haben sich am Wochenende zu den Schaustelle-Führungen durch das Sportmuseum Berlin in der Hanns-Braun-Straße verirrt, um sich alte Startschusspistolen, Fotos, Olympiamedaillen und den fußballförmigen Ledersessel aus dem Aktuellen Sportstudio zeigen zu lassen. Eigentlich hätten sich Martina Behrendt, die Leiterin des Museums, und Gerd Steins, der Geschäftsführer des Fördervereins, einen Festakt oder eine Jubiläumsausstellung gewünscht: Denn heute vor 75 Jahren, am 20. Juli 1925, wurde der Vorläufer der Einrichtung gegründet, das "Museum für Leibesübungen" (MfL). Doch für Festivitäten hat das Sportmuseum kein Geld. Es hat ja - und das ist kurios - nicht einmal einen Ausstellungsraum. Die Besucher des Kursistenhauses auf dem Gelände beim Olympiastadion sehen vor allem die Verwaltung, die Bibliothek und die Kartons des Fotoarchivs. Größere Stücke, wie hundertjährige Skiausrüstungen aus Eschenholz oder ein Boot aus Zeitungspapier, lagern weitgehend unbemerkt in Außenstellen. Die Sportgeschichte Berlins ist vorerst zwischen Aktendeckeln eingelagert und wird gelegentlich zu Sonderausstellungen herausgekramt.

Dabei hatte das Museum für Leibesübungen anfangs mit dem Ephraim-Palais und später mit dem Stadtschloss durchaus repräsentative Räume. Seine Gründer, der Journalist Erich Mindt und Ministerialrat Arthur Mallwitz, hatten eine Sammlung aus Kunstwerken, Sportartikeln und völkerkundlichem Material zusammengetragen, die erstmalig die Kulturgeschichte von Turnen, Sport und Spiel darstellen sollte. "Medaillen hinstellen und Sportler zu ehren war nicht die Absicht", erklärt Steins. 1934 dann, als Berlin bereits die Zusage für die Ausrichtung der Olympischen Spiele in der Tasche hatte, wurde das MfL von den Nationalsozialisten aufgelöst. Zu viel Arbeitersport, zu viele jüdische Mitarbeiter.

Die Sammlungen des MfL gingen fast komplett im Krieg verloren. Mindt wurde beim Einmarsch der roten Armee im Oderbruch erschossen, und es sollte dauern, bis die Idee eines Sportmuseums in Berlin überhaupt wieder aufgenommen wurde. Der Neuaufbau begann unabhängig voneinander in Ost und West: 1970 riefen Veteranen des Arbeitersports in Weißensee das "Sporthistorische Kabinett Berlin" ins Leben, ohne vom Museum für Leibesübungen überhaupt gewusst zu haben, und 1976 wurde in Berlin-West der Verein "Forum für Sportgeschichte" ausdrücklich als MfL-Nachfolger gegründet. In beiden Fällen ein "Museum von unten", wenn man so will. Nach der Wende fusionierten die Museen. "Sammlung und Personal kamen aus der DDR, Trägerverein und Ausstellungs-Know-How aus der BRD", erinnert sich Steins.

Die Ausstellungsräume, die das Museum damals noch im Friedrich-Jahn-Sportpark hatte, gingen in der Neujahrsnacht 1992 in Flammen auf. Wenn es nach Martina Behrendt ginge, könnte der Publikumsbetrieb bald wieder aufgenommen werden: "Das wichtigste, was ein Museum braucht, ist schon da." Der Fundus steht bereit und ist wissenschaftlich aufgearbeitet. Geeignete Räume hat Behrendt schon lange ausgemacht. Eine alte Turnhalle mit Nebenräumen, gleich neben dem jetzigen Standort am Stadion, muss ohnehin denkmalgerecht saniert werden. Selbst das Publikum ist praktisch schon da: An guten Tagen werden 1000 Besucher durch das Olympiastadion geschleust und finden nicht einmal Infotafeln zur Geschichte des Geländes vor. Eine Lücke, die Behrendt gern schließen würde: "Nirgendwo sonst in Deutschland kann Sportgeschichte authentischer dokumentiert werden, und nirgendwo sonst verlangt der Ort so nachhaltig die Auseinandersetzung mit ihr." Nun ist der politische Wille gefragt. Der Zeitpunkt wäre günstig. Mit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 und möglicherweise dem Deutschen Turnfest 2005 finden Großeignisse praktisch vor der Türe statt. Gerd Steins sagt: "Wenn die Planungen jetzt anfangen, können wir bis dahin fertig sein."

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