• Sportspielforscher Memmert: "Tricks vom Bildschirm in Tricks auf dem Bolzplatz umwandeln"

Sportspielforscher Memmert : "Tricks vom Bildschirm in Tricks auf dem Bolzplatz umwandeln"

Der Kognitionsforscher Daniel Memmert erklärt im Interview mit 11Freunde, wie Videospiele womöglich sogar Nationalkickern helfen können.

Daddeln für ein Tor. Musterprofi
Daddeln für ein Tor. MusterprofiFoto: picture-alliance/ dpa

11FREUNDE: Herr Memmert, der Nationalspieler Holger Badstuber hat erzählt, dass er seine Freizeit im Mannschaftshotel an der Playstation verbringe. Hilft ihm das in der Realität auf dem Platz?

DANIEL MEMMERT: Natürlich nicht. Wer auf der Konsole mit dem Ball umgehen kann, ist ja noch längst kein toller Spieler. Umgekehrt gilt: Nur weil Badstuber Nationalspieler ist, muss er noch lange kein Ass auf der Playstation sein.

11FREUNDE: Wie schade. Hat die Daddelei denn überhaupt keinen Einfluss auf die Spieler?

DANIEL MEMMERT: Die Forschung steht hier erst am Anfang. Studien haben aber bewiesen, dass beim Computerspielen auch grundlegende Aufmerksamkeitsleistungen gefördert werden, die wiederum für viele kognitive Leistungen eine Rolle spielen. Ob aber die Fähigkeiten, die ein guter Playstation-Spieler haben muss – gleichzeitig verschiedene Mitspieler wahrnehmen, peripheres Sehen, intensive Konzentration – sich auch auf den realen Sport so einfach übertragen lassen, muss erst noch gezeigt werden.

11FREUNDE: Von Lionel Messi weiß man, dass er sich seine Tricks auf der Playstation abgeschaut haben soll. Das wäre doch auch ein guter Ansatz für die deutschen Angreifer...

DANIEL MEMMERT: Wir lernen doch alle vom Zuschauen. Wenn kleine Kinder einen Skilift hoch fahren und dabei den anderen Menschen auf der Piste zusehen, hat das bereits einen Lerneffekt. So ähnlich verhält es sich auch beim Fußball.

11FREUNDE: Und warum ist Messi dann so viel besser als Klose, Gomez und Cacau?

DANIEL MEMMERT: Weil es immer noch darauf ankommt, wie man die Tricks vom Bildschirm in Tricks auf dem Bolzplatz umwandelt. Automatisch passiert da gar nichts.

11FREUNDE: Aus dem holländischen Teamhotel sind Videos aufgetaucht, die die halbe Mannschaft vor dem Bildschirm hockend zeigen. Schlechte Vorbereitung auf das Turnier, oder?

DANIEL MEMMERT: Ganz im Gegenteil! Playstation spielen hat für die WM-Teilnehmer gleich mehrere Vorteile. Zum einen ist das Erholung, die den Sportlern Spaß macht. Noch besser: Aktive Erholung. Sie tun ja etwas, sind gleichzeitig kognitiv aktiv und konsumieren nicht passiv. Zum anderen haben die Spieler untereinander diesen wunderbaren Wettkampf-Effekt, der die Mannschaft zusammenschweißt und gleichzeitig gemeinsam entspannen lässt.

11FREUNDE: Wie ausgeprägt ist das virtuelle Gezocke eigentlich an ihrem Institut in Köln?

DANIEL MEMMERT: Nicht wirklich groß. Wir spielen lieber Tischkicker.

11FREUNDE: Wie altmodisch!

DANIEL MEMMERT: Vielleicht. Aber tatsächlich hat man nachweisen können, dass ein Team dann die besten Leistungen in einem Tischfußball-Turnier erzielt, wenn die richtige Persönlichkeit eines Spielers zu seinen Aufgaben am Tisch passt. Das kann auch bei der Auswahl von Elfmeterschützen eine Rolle spielen...

11FREUNDE: Wie bitte?

DANIEL MEMMERT: Spielende Menschen kann man generell in hoffende und pflichtbewusste Akteure unterscheiden, was ja auch die Eigenschaften von Offensiv- und Defensivspielern sind. Hoffende spielen eher vorne, pflichtbewusste eher hinten, so einfach ist das.

11FREUNDE: Und was hat das mit Elfmetern zu tun?

DANIEL MEMMERT: Pflichtbewusste Fußballer eignen sich eher als erfolgreiche Elferschützen. Bei hoffenden Kickern ist die Quote der verschossenen Strafstöße viel höher. In der Theorie sollte Joachim Löw also lieber pflichtbewusste Fußballer mit guter Technik antreten lassen.

11FREUNDE: Herr Memmert, bitte vervollständigen Sie diesen Satz: Grau ist alle Theorie...

DANIEL MEMMERT: ...entscheidend is aufm Platz. Schon klar.

Prof. Dr. Daniel Memmert arbeitet am Institut für Kognitions- und Sportspielforschung in Köln. Das Interview führte Alex Raack.

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