Sportunfälle sind kein Schicksal? : Invalide mit 26

Die Füchse Berlin haben Colja Löffler, Bartlomiej Jaszka und Denis Spoljaric verabschiedet – drei neue Fälle für die Berufsgenossenschaft.

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Das war’s! Colja Löfflers Profi-Karriere ist vorbei.
Das war’s! Colja Löfflers Profi-Karriere ist vorbei.Foto: imago/Michael Schulz

Damals, vor knapp acht Jahren, war die Sache relativ schnell klar. Vor Colja Löffler liegt der erste Profivertrag seiner Karriere, die damals ja noch gar keine ist. Unterschriftsreif, wie es immer so schön heißt, auf einem Tisch. Löffler, 18 Jahre jung, hat lange auf diesen Tag hingearbeitet, jetzt ist er am Ziel. Er verdient künftig Geld mit seiner Leidenschaft, dem Handball. Bevor er das Schriftstück unterzeichnet, muss er noch ein paar Haken setzen. Es geht um die Detailfragen. Auf einer Seite ist von einer privaten Zusatzversicherung die Rede, als Ergänzung zur gesetzlichen Unfallversicherung. Für den Fall einer Sportinvalidität zum Beispiel.

„Als A-Jugendlicher hatte ich so etwas auch“, sagt Löffler, „da lief das auch alles automatisch über den Verein.“ Nun, als Profi bei den Füchsen Berlin, muss er die Entscheidung allein treffen. Ist die Versicherung wirklich nötig, oder genügt die Pflichtvariante? Und wie viel bleibt im Falle eines Abschlusses eigentlich noch übrig am Monatsende? „Damals wäre fast die Hälfte meines Gehalts dafür draufgegangen“, erinnert sich Löffler, „und weil ich nicht zu den Spitzenverdienern gehört habe, habe ich mir gesagt: ,Dann mache ich es halt nicht.’“ Es war die schlechteste Entscheidung seiner Laufbahn. Heute, sagt Löffler, würde er das alles ganz anders machen. Er würde den Haken setzen.

An diesem Sonntag wurde Colja Löffler offiziell von seinem Verein verabschiedet, im Alter von 26 Jahren. Nach Knorpelschäden in beiden Knien ist für ihn an Sport nicht mehr zu denken, ebenso wenig für seine ehemaligen Teamkollegen Bartlomiej Jaszka, 32, und Denis Spoljaric, 36. Jaszka, der grandiose Regisseur, hat sich eine schwere Schulterverletzung am Wurfarm mit irreparablen Schäden zugezogen. Spoljaric, Olympiasieger von 2004, wird nie mehr eine Abwehrreihe dirigieren können. Die Handverletzung, die sich der Kroate vor eineinhalb Jahren im Training zugezogen hat, schmerzt noch heute. Innerhalb weniger Wochen haben die Füchse drei Leistungsträger verloren. Anlässlich des Bundesliga-Spiels gegen die Rhein-Neckar Löwen (24:20) am Sonntag wurden die drei verabschiedet. Sie sind jetzt Fälle für die Verwaltungsberufsgenossenschaft (VBG).

Die VBG ist die gesetzliche Unfallversicherung des Profisports, seit Jahren dokumentiert sie die Anzahl registrierter Verletzungen, ihr Zustandekommen und die daraus resultierenden Kosten. 2012 beliefen sich die Entschädigungssummen für die 26 000 Profisportler unter den insgesamt neun Millionen Mitgliedern auf 78 Millionen Euro, 2013 waren es 74 Millionen und 2014 etwa 75 Millionen Euro. Die mit Abstand meisten Unfälle, etwa zwei Drittel aller registrierten, gab es im Fußball. Mit großem Abstand folgen Handball, Eishockey, Basketball.

Bis zu 80 Pflichtspiele pro Saison sind die Regel

Dass die Kosten für die VBG trotz zahlreicher Präventionskampagnen zuletzt ziemlich konstant geblieben sind, liegt vor allem an der Evolution der bedeutsamen Mannschaftssportarten. Fußball, Handball, Eishockey und Basketball sind um ein Vielfaches schneller, dynamischer und damit physischer geworden, auch die individuelle Belastung hat extrem zugenommen. 60, 70 oder 80 Pflichtspiele pro Saison sind mittlerweile die Regel. Es geht um viel mehr Geld als früher. Ist es da nicht normal, dass härter gespielt, mehr gefoult wird und sich Intensität und Verletzungsrisiko potenzieren?

Es hat vielleicht den Anschein, dass es im Profisport immer härter und gefährlicher zugeht, „aber das ist eine gefühlte Wahrnehmung“, sagt Daniela Dalhoff, die Sprecherin der VBG. Das VBG-Zahlenwerk untermauert das: Bei einer konstanten Mitgliederzahl von Profisportlern hat die gesetzliche Versicherung zuletzt einen kleinen Rückgang an Unfällen verzeichnen können. Vor drei Jahren waren es noch 30 000, 2014 lag die Zahl bei knapp unter 29 000. Die Statistiken für das Jahr 2015 wertet die VBG gerade aus.

Es sah schon mal wesentlich schlimmer aus, besonders nach der Jahrtausendwende. Zwischen 2000 und 2006 etwa hatte sich die Anzahl von Sportunfällen im Bereich Profifußball, also von der Bundesliga bis zur Dritten Liga (damals noch Regionalliga) beinahe verdoppelt, in den anderen Sportarten verhielt es sich ähnlich. Der deutsche Sport hatte seinerzeit ein großes Verletzungsproblem. „Wir mussten uns also die Frage stellen, wie wir die Unfallzahl reduzieren und niedrig halten können“, sagt Dalhoff.

Herausgekommen ist ein umfangreiches Präventionskonzept. So sind unter anderem die sportmedizinischen Untersuchungsbögen für die vier großen Teamsportarten überarbeitet worden, die vor dem Start jeder Saison ausgefüllt werden müssen. Darüber hinaus gibt es verbindliche Präventionsvereinbarungen mit dem Deutschen Fußball-Bund, der Handball-Bundesliga, der Basketball-Bundesliga, der Deutschen Eishockey-Liga und der Trainerakademie des Deutschen Olympischen Sport-Bundes . So verpflichten sich die Fuß- und Handball-Bundesligisten unter anderem dazu, die Sportler in ihren Nachwuchszentren genauso professionell zu betreuen wie erwachsene Vertragssportler.

Selbst für die niederen Fußball-Spielklassen hat sich die VBG mittlerweile ein Konzept zur Vorbeugung von Verletzungen einfallen lassen („Sei kein Dummy“), weil die semiprofessionellen Kicker dort teilweise so viel Geld verdienen, dass sie offiziell als Arbeitnehmer geführt werden. Wie wichtig das ist, zeigt ein Blick auf die sogenannte Gefahrklasse, in die Arbeitnehmer und VBG-Mitglieder eingestuft werden. So besitzt jede Branche einen Faktor, aus dem sich der Beitrag errechnet: Bei Büroberufen liegt dieser zum Beispiel bei 1,2, bei Zeitarbeitsfirmen schon deutlich höher, nämlich bei sieben – und im bezahlten Fußball bei 45.

Um diesen Zahlen entgegenzuwirken, hat die VBG zu Beginn dieses Jahres das „M-Arztverfahren“ ins Leben gerufen. Ein dreijähriges Modellprojekt, das den Aufgabenbereich des klassischen Mannschaftsarztes enorm erweitert: So soll der M-Arzt nicht nur ernährungsmedizinische und zahnärztliche Untersuchungen koordinieren, sondern gegebenenfalls auch als Vermittler zu psychologischen Experten dienen. Weitere Aufgabengebiete sind Regeneration, Antidopingvorgaben und Verletzungsdokumentation. „Wir legen großen Wert darauf, dass Sportunfälle kein Schicksal sind, wie es so oft heißt“, sagt Daniela Dalhoff.

Sportunfälle sind also kein Schicksal? Für Colja Löffler muss das wie blanker Hohn klingen, obwohl die VBG natürlich nichts für seinen konkreten Fall kann. Nach drei Operationen an beiden Knien kann er froh sein, wenn er mal schmerzfrei Treppen steigen, Fahrrad fahren oder über längere Zeit stehen kann. „Ich habe nur noch 30, 40 Prozent Knorpel in meinem Knie“, sagt er. Ob er jemals wieder in seinem erlernten Beruf als Feinmechaniker arbeiten kann, ist offen. Die entsprechende Unfallanzeige hat Löffler nach der dritten OP bei der VBG aufgegeben, nun geht es für ihn um die Frage, ob er in seiner Erwerbsfähigkeit eingeschränkt ist. Falls dem so ist, steht ihm eine Rente zu, aber die würde kaum reichen, um das Haus in Falkensee zu finanzieren, das sich Löffler nach der Unterschrift unter seinen ersten Profivertrag gekauft hat. „In dem Fall habe ich wirklich Glück gehabt“, sagt Löffler. Weil sein Vater den verbleibenden Kredit zunächst übernommen und Löffler die monatliche Rate nun bei ihm abzuzahlen hat und nicht bei irgendeiner Bank.

Das Haus, sein Zuhause, wird ihm also bleiben. „Gott sei Dank“, sagt er. Aus Colja Löffler ist nämlich mittlerweile ein kleiner Handwerker geworden, der hier was zusammenschraubt und dort noch ein bisschen herumtüftelt, Zeit genug hat er ja jetzt. Deshalb freut sich Löffler auch besonders, dass die alten Teamkollegen regelmäßig in Falkensee vorbeischauen, mit Silvio Heinevetter kann er ziemlich gut, ebenso mit Paul Drux. „Das lenkt mich ab, das brauche ich auch“, sagt Löffler, wie er ohnehin nur gute Worte für seinen alten Verein findet. „Die Füchse waren immer für mich da, sie haben geholfen, wo sie konnten.“ Ab der neuen Saison arbeitet er als Jugendtrainer bei den Füchsen.

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