Sportunterricht : Leichtathletik soll für Schüler wieder interessant werden

Werfen, Springen, Laufen – das soll Schülern wieder Spaß machen. Experten versuchen, den Unterricht umzustellen.

Friedhard Teuffel

Ein Ort des Schreckens liegt am Ende der Anlaufbahn. Gefüllt mit Sand und manchmal noch mit allerlei schmutzigen Überraschungen. Beim Weitsprung in der Schule kann sich die Leichtathletik ganz schön ungemütlich anfühlen, auch nasskalt, wenn es vorher geregnet hat. Das ist das alte Bild der Leichtathletik: sich in der Schlange anstellen, lange warten, anlaufen, in die Grube hüpfen – und dann geht alles wieder von vorne los. Robert Prohl hat in seinen Seminaren herumgefragt, wie viele der künftigen Sportlehrer denn gerne Weitsprung machen. „Da haben sich von zwanzig Teilnehmern mal zwei gemeldet.“

An der Universität Frankfurt am Main leitet Prohl das Institut für Sportwissenschaft und entscheidet dabei über die Lehrerausbildung mit über die Zukunft der Leichtathletik. Früher war die Schule eine Plantage für die Leichtathletik. Sie ließ sie immer wieder von unten wachsen, im Unterricht wurde gelaufen, geworfen, gesprungen, als Training für den Wettkampf im Sommer, die Bundesjugendspiele, mit Siegerurkunde für die Guten und Ehrenurkunde für die Besten, mit gedruckter Unterschrift des Bundespräsidenten; und die Spartakiaden im Osten mit ihrem eigenen Belohnungssystem.

Der Elementarsport erschien gestrig

Zwischendurch ist die Leichtathletik an den Schulen jedoch verdorrt, Lehrer hatten auf sie keine Lust mehr, Schüler erst recht nicht, und die Situation passte zu den ausbleibenden Medaillen deutscher Leichtathleten bei Olympischen Spielen, an der Basis klappte nicht mehr viel und an der Spitze eben auch nicht. Aus dem Elementarsport war ein Element von gestern geworden. „Marginalisiert“ habe sich die Leichtathletik, sagt Prohl.

Mittlerweile befindet sich die Schulleichtathletik jedoch mitten in der Veränderung. Sie nennt sich auch nicht mehr gleich Leichtathletik. „Es geht um das Bewegungsfeld Laufen, Springen, Werfen“, sagt Prohl. Leichtathletik soll wieder zu einem besonderen Erlebnis werden, und das sei gar nicht so schwer, wenn sich die Leichtathletik nicht manchmal selbst im Weg stehen würde.

Beim Weitsprung etwa. Hattest du einen guten Flug? Das könnte ein Lehrer fragen, wenn der Schüler in der Grube gelandet ist. Doch der würde ihn sicher nur verständnislos anschauen. „Das Erlebnis des Fliegens kann man nicht haben, wenn man sich die ganze Zeit darauf konzentriert, dass man den Balken trifft“, sagt Prohl. Er befürwortet daher neue Formen des Springens, um erst einmal die Flugphase zu erfahren, und wenn es schon in die Grube gehen muss, dann vielleicht erst einmal mit einer großen Absprungzone anstatt des Balkens und dem unvergesslichen Tadel: Übergetreten!

Es kommt auf die Erfahrung an - nicht auf das Ergebnis

Für die notwendige Veränderung hat Prohl auch eine akademische Begründung erarbeitet: „Der Lohn der Leistung liegt im Prozess des Leistens.“ Erst einmal kommt es nicht auf das messbare Ergebnis an, auf 3,50 Meter beim Weitsprung oder 8,5 Sekunden beim 50-Meter-Lauf. Sondern auf die Erfahrung. „Beim Laufen geht es um das Erlebnis der Beschleunigung, beim Werfen um Körperbeherrschung im Bewegungsablauf“, sagt Pädagoge Prohl. Ein Problem hat sich die Leichtathletik jedoch damit aufgehalst, dass sie sich mit ihren ganzen Formen am Hochleistungssport orientiert. Aber warum fangen selbst kürzeste Sprints mit einem Tiefstart an? „Mit untrainierten Oberschenkeln ist man mit einem Hochstart eine Sekunde schneller“, sagt Prohl. Also erst einmal laufen, dann starten lernen.

Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) sieht es inzwischen genauso wie Prohl und bildet seit 2004 Multiplikatoren aus, die die neue Leichtathletik in die Schule tragen sollen. „Am Anfang waren wir erst mal am Reparieren“, sagt David Deister, der beim DLV das Projekt „Leichtathletik in der Schule“ leitet. In den Köpfen der Lehrer wurde die Leichtathletik noch gleichgesetzt mit Leistung, Leistung, Leistung. „Aber Leistung steht am Ende der Linie.“

Die neue Leichtathletik ist verspielt

Inzwischen werden die Angebote gut umgesetzt, in den westlichen Bundesländern noch besser als in den östlichen. Selbst für die Bundesjugendspiele gibt es ein neues Konzept mit neuen Laufwegen und Sprungformen, das werde allerdings noch nicht so gut angenommen, sagt Deister.

Die neue Leichtathletik ist eine verspieltere Leichtathletik, alters- und zeitgemäß, sie setzt auf Frustvermeidung, auf neue Geräte, Abenteuersprünge, Übungen mit Partnern und in Gruppen. Alle Schüler sollen gleichzeitig beschäftigt werden, anstatt sie lange anstehen zu lassen. Die eigene Leistungsverbesserung zu beobachten, ist wichtiger, als sich mit anderen zu vergleichen. Es soll Relativwettkämpfe geben, bei denen Ergebnisse auch nach Größe oder Gewicht der Schüler umgerechnet werden. „Der Wettkampfgedanke soll nicht eliminiert werden, sondern relativiert“, sagt Prohl. Um die Leichtathletik macht er sich inzwischen keine Sorgen mehr. „Es gibt keine bessere Körperschule.“ Nur müsse sich die Leichtathletik in der Schule eben umstellen und den Weg wichtiger nehmen als das Ziel. „Wenn man sich in den Prozess verliebt, dann kommt die Leistung ganz alleine“, sagt Prohl. „Und wenn ich einen schönen Flug hatte, macht es mir auch gar nichts mehr aus, dass ich in der nassen Grube gelandet bin.“

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