Sport : Spott aus Übersee

Das US-Team geht locker ins Länderspiel – und zumindest laut Weltrangliste auch als Favorit

Richard Leipold[Bochum]

Es ist alles ganz unspektakulär: Die Fußball-Nationalspieler der USA trainieren, und auf dem Trainingsgelände des VfL Bochum sehen nur ein paar Polizeibeamte nach dem Rechten. Am Rande des Platzes stehen für die Besucher Chips und Cola bereit. Zwanzig Meter weiter machen die Spieler ihre Übungen. Alles wirkt locker. Sogar bis ans Spielfeld dürfen ein paar Fans kommen. Nachdem Trainer Bruce Arena das Training beendet hat, beginnt die Öffentlichkeitsarbeit des US-Teams. Ein drahtiger junger Mann sondiert die Interviewwünsche der Reporter und gibt sie an die Profis weiter. Nach kurzer Zeit ruft er laut den Namen des ersten Gesprächspartners. Der Rufer ist der „Press Officer“ des Verbandes.

Sobald ein Profi seine Arbeit beendet hat, wird der nächste aufgerufen. Die Spieler plaudern entspannt über die heutige Partie gegen Deutschland – ganz so, als wäre es wirklich nur ein Freundschaftsspiel. Das ist es ja auch, aber nur für die USA. „Die Deutschen stehen unter Druck. Sie haben eine der besten Mannschaften der Welt, das vergessen die Leute hier“, behauptet Gregg Berhalter, Verteidiger beim Zweitligaklub Energie Cottbus. Die Diskussionen über Jürgen Klinsmann, den in Kalifornien lebenden Bundestrainer, verfolgen die US-Amerikaner mit einer Mischung aus Unverständnis und Amüsement – soweit sie sich mit diesem Thema überhaupt befassen. „Davon bekommen wahrscheinlich nur die etwas mit, die in Deutschland spielen oder in anderen europäischen Ländern. Und von denen sind nicht viele hier“, sagt Steven Cherundolo, Abwehrspieler von Hannover 96.

In Dortmund werden überwiegend Profis aus der Major League Soccer der USA auflaufen. Sechs Stammkräfte fehlen, weil sie von ihren Vereinen keine Freigabe erhalten haben oder verletzt sind, darunter Frankie Hejduk und Landon Donovan, die Stars des Teams. Trainer Arena ist es fremd, Ausfälle wichtiger Spieler zu beklagen, obwohl er sogar Benny Feilhaber nachnominieren musste, der für die Regionalliga-Mannschaft des Hamburger SV antritt. Für die Ersatzleute sei es eine wunderbare Gelegenheit, sich zu profilieren, sagt Arena.

In den USA wird die Partie zwar von einem Kabelsender live übertragen; die Brisanz, die dem Spiel von der deutschen Fußballnation beigemessen wird, erschließt sich den US-Amerikanern jedoch nicht. Die „New York Times“ entdeckt „Panik im Gastgeberland“ und spottet die Deutschen hätten wohl „Angst, dass ihr Coach ein Baywatch-Blonder ist, der sich eher Gedanken um seinen Teint macht als um die Mission WM-Titel“. Manchem US-Spieler kommt es so vor, als hätte die WM für die Deutschen schon begonnen.

Vielleicht umgibt die US-Spieler auch die Gelassenheit des Favoriten. Während der dreimalige Weltmeister Deutschland erst auf Rang 22 zu finden ist, weil er nicht an der WM-Qualifikation teilnahm, steht das US-Team in der Weltrangliste auf Rang fünf. „Die haben sich nach oben geschlichen, und keiner hat’s gemerkt“, sagt der deutsche Kapitän Michael Ballack. Cherundolo hat immerhin bemerkt, dass die vielen Erfolge in der WM-Qualifikation die gute Platzierung der USA erklären. „Wir fahren gegen die Kleinen einen Sieg nach dem anderen ein, aber wir haben noch nie ein Spitzenteam besiegt“, sagt er. Geht man nach der Weltrangliste, hat er auch heute keine Gelegenheit dazu.

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