Sprache : Chinglish im Rassisten-Park

Unser Kulturredakteur Jens Mühling war in den vergangenen Wochen in China. Hier erklärt er, wie sich die Olympia-Gastgeber um sprachliche Internationalität bemühen.

Jens Mühling[Peking]

Neulich stand ich wartend an einer Pekinger Fußgängerampel, als es heftig zu regnen begann. Eine ältere Chinesin hielt mir lächelnd ihren Schirm über den Kopf. Obwohl sie sehr klein war und ich stark gebückt über die Kreuzung humpeln musste, war ich ihr dankbar. „Thank you, that’s very nice of you“, sagte ich. Sie suchte lange nach einer Antwort, dann erwiderte sie: „It is nice to meet you, too.“ Auf der anderen Straßenseite trennten sich unsere Wege. Zurück blieb das warme Gefühl, dass sprachliche Fehlleistungen mitunter mehr sagen als tausend korrekt gewählte Worte.

Der Direktor eines chinesischen Hightech-Unternehmens soll einmal Gerhard Schröder mit folgenden deutschen Sätzen in Empfang genommen haben: „Jedes Jahreswachstum verlässt hinter dem Gedächtnis im unaufhörlichen Fluss der Zeit. Ermöglichen Sie Maipu, das Gesundheit-Immergrün-Unternehmen zu werden!“ Der verdatterte Kanzler soll mit einem jovialen „Dankeschön!“ geantwortet haben.

Auf dem Weg vom Pekinger Flughafen in die Innenstadt wies bis vor kurzem ein Straßenschild auf einen Kulturpark chinesischer Ethnien hin: „Racist Park“ stand da. Inzwischen wurde der Hinweis gegen eine korrektere Übersetzung ausgetauscht – im Zuge einer semantischen Reinigungskampagne, die vor den Olympischen Spielen die schlimmsten Auswüchse des so genannten „Chinglish“ aus dem Stadtbild verbannen soll, eines poetischen Mischidioms, das durch wörtliche Übersetzungen aus dem Chinesischen ins Englische zustande kommt. Verschwunden sind bereits die Schilder, die einst vor Rutschgefahr auf Pekings Bürgersteigen warnten: „To take notice of safe; the slippery are very crafty.“ Selten geworden ist auch die früher sehr verbreitete Warnung vor Rasenflächen in Parks: „Beware of the grass!“ Seit ein paar Jahren gibt es sogar eine Telefon-Hotline, unter der aufmerksame Bürger die Stadtverwaltung auf Fehlübersetzungen hinweisen können.

So verschwindet das reizende Chinglish zunehmend in kleine Reservate. In meinem Lieblingsrestaurant in Peking zum Beispiel wird ausländischen Gästen nach wie vor eine Speisekarte vorgelegt, deren dadaistischen Charme eine durchgeknallte Übersetzungssoftware generiert haben muss (ich tippe mal auf „China make English 2.0“). Hinter dem Menüpunkt „Last soup rape“ etwa verbirgt sich eine aggressiv scharfe, aber nicht unbekömmliche Suppe. Die Variante „Fresh fried rape“ habe ich noch nicht probiert, wohl aber das Gericht „Three D's fry the pimple“. Es wird mit einer schmackhaften Nuss-Sauce gereicht, in der schwer identifizierbare Tiere schwimmen: klein, weiß, zäh, mit genoppter Oberfläche, ein bisschen wie hartgekochte Kondome. Ein Kollege tippte auf Zickleineuter, ich musste eher an Haifischzungen denken, wiewohl ich nicht beschwören will, dass Haie Zungen haben.

Was sich hinter „Binaural infected cucumber“ verbirgt, habe ich bisher nicht herauszufinden gewagt, gleiches gilt für „The temple slips away the brook shrimp“, „The brilliant colors chokes the vegetables“ sowie – das hebe ich mir für den allerletzten Tag in China auf – „Explode the belly“. Reportergeist hin oder her, niemand kann verlangen, dass ich „Old adopted mother's fatty intestine“ esse!

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