Sport : Sprache statt Strafe

Hertha BSC hat bis heute keine professionelle Betreuung für seine brasilianischen Spieler gefunden – und das kann auch für den Verein teuer werden

André Görke,Michael Rosentritt

Von André Görke und

Michael Rosentritt

Berlin. Der ganze Rummel um die nächtlichen Karnevalsausflüge hat einen Fakt überdeckt. 130 000 Euro musste Herthas Stürmer Alex Alves für die unterschiedlichen Vergehen in den zurückliegenden drei Jahren an Strafe zahlen. Es ist nicht bekannt, wie lange Alcir Pereira dafür arbeiten muss. In jeden Falle aber länger, als Alves für Hertha wohl je stürmen wird.

Alcir Pereira ist auch Brasilianer und arbeitet ebenfalls für den Berliner Bundesligisten. Und das sogar in einem sensiblen Bereich. Der 37-Jährige dolmetscht seine vier Landsleute, die von Hertha im Jahr zusammen etwa sieben Millionen Euro erhalten. Pereira aber ist hauptberuflich Freiberufler und verdient sich seinen Unterhalt vorrangig mit Aufträgen von Übersetzungsbüros. Von Hertha BSC erhält er für seine Dienste eine Pauschale. Er ist „eine Art freier Mitarbeiter, auf den wir zurückgreifen können“, sagt Manager Dieter Hoeneß.

Es gibt viele Möglichkeiten, 130 000 Euro Gewinn bringend anzulegen. Etwa zur Schaffung professioneller Strukturen, die eine reibungslosere Integration der ausländischen Spieler, vor allem der brasilianischen, ermöglichen. „Wir machen einen Fehler, wenn wir nur über die Brasilianer reden“, sagt Huub Stevens. Wie Recht der Trainer hat, beweist der Verein selbst. 50 Personen beschäftigt Hertha gegenwärtig auf der Geschäftsstelle. Nicht einer ist hauptamtlich für die ausländischen Spieler tätig. In Leverkusen beispielsweise gibt es mehrere Betreuer.

Bis heute lassen sich die vier brasilianischen Spieler von Hertha bei Interviews dolmetschen. Dabei werden Sprachkenntnisse allgemein als wichtigster Integrationsfaktor angesehen. Aber nicht nur für die Spieler. In Leverkusen sind drei ausgebildete Sprachlehrer tätig, zwei davon sind Frauen südamerikanischer Herkunft, die sich ausschließlich um den Unterricht für die Frauen der Spieler kümmern. Bei Hertha führt Pereira den Sprachunterricht durch. Wenn es geht, zweimal die Woche, wenn es nicht geht, weniger. Sprache ist ein sozialer Aspekt und ein wirtschaftlicher. „Diese Spieler kosten sehr viel Geld. Allen ist daran gelegen, dass diese Spieler an Wert gewinnen“, sagt Frank Ditgens, Pädagogischer Leiter von Bayer Leverkusen.

Uwe Wiemann von der Universität Dortmund entwickelt gerade eine Sprachfibel speziell für diese Berufsgruppe: „Deutsch für Ballkünstler“, heißt das Werk. Die fertigen Kapitel liegen zur praktischen Erprobung bei Bayer Leverkusen. „Fußballer haben weniger Zeit zum Lernen. Sie haben sich bisher auf Fußball konzentriert und das Lernen nicht gut gelernt. Sie tun sich schwerer als andere Berufsgruppen“, sagt Wiemann. Der Profi soll sich in erster Linie in seinem Arbeitsumfeld verständigen können. Nur wer sich verständigen kann, liefert Leistung.

Hertha hat vor über drei Jahren den ersten brasilianischen Spieler verpflichtet. Damals war der Verein nicht vorbereitet auf die Besonderheiten, die solche Spieler mitbringen. Und wenn sich Spieler als besonders integrationsunwillig herausstellen, führt das zwangsläufig zu Missverständnissen im Alltag. Ob bei Arzt- und Bankbesuchen, beim Autokauf oder etwa bei der Erlangung eines in Deutschland gültigen Führerscheins. Nicht selten mündet das in ungewöhnlichen Krankheiten und Übellaunigkeit. Ein solcher Spieler wird selten sein Geld wert sein.

„Bei Bedarf bin ich da“, sagt Dolmetscher Pereira. „Er ist ein wunderbarer Mensch. Wir haben vollstes Vertrauen“, sagt Dieter Hoeneß. Das ist aller Ehren wert für Hertha, nur nicht gerade professionell. Es fehlen unter anderem auch Leute, die sich um das soziale Umfeld der teuren Spieler kümmern, zumindest aber helfen, ihr Leben außerhalb des Spielplatzes zu koordinieren.

Unterdessen musste Manager Hoeneß bestätigen, dass die Gerüchte stimmen, nach denen sich ein Brasilianer das Vertrauen der Spieler Luizao, Marcelinho und Nené erschlichen und diese um materielle Werte geprellt hat.

Indes: Nicht nur die Brasilianer machen Hertha Sorgen. Der Pole Bartosz Karwan muss neuerdings sein Auto vor dem Hertha-Gelände parken. Er war mehrfach über den Parkplatz gerast.

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