Springreiten : "Wir brauchen Glaubwürdigkeit“

Otto Becker, der neue Bundestrainer der Springreiter, über Doping, Nachwuchs und Mentaltraining.

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Otto Becker, 49, gewann als Springreiter olympisches Gold in Sydney 2000. Der mehrfache Deutsche Meister wird ab 1. Januar 2009...

Herr Becker, haben Sie Angst um Ihren Sport?



Angst nicht, aber Bedenken. Wir haben seit der Dopingdiskussion nach den Olympischen Spielen eine schwierige Situation zu meistern. Wir können nur glaubwürdig das Vertrauen der Öffentlichkeit zurückgewinnen, wenn wir sehr transparent arbeiten und klare neue, verständliche Regeln erstellen.

Was braucht ein guter Bundestrainer?

Glück (lacht). Er braucht sicher auch ein bisschen Gefühl dafür, die einzelnen Charaktere unter einen Hut zu bringen. Es soll ein Gemeinschaftsgefühl entstehen und das Team soll mit einem gemeinsamen Ziel als Mannschaft auftreten.

Wie wollen Sie das ramponierte Image des Springsports reparieren?

Insgesamt sind wir in Deutschland gut aufgestellt. Wir haben ein gutes Ausbildungssystem, eine gute Pferdezucht und wir haben viele Erfolge gehabt. Trotzdem: Gerade wenn man erfolgreich ist, muss man sich konsequent hinterfragen. Aus gemachten Fehlern müssen wir lernen. Gleichzeitig versuchen wir, frischen Wind und neue Euphorie in den Sport zu bringen. Momentan gibt es hier nur sehr wenige Spitzenpferde, weil die meisten ins Ausland verkauft werden. Viele der Top-Reiter sind über 40 Jahre alt. In den letzten zehn Jahren sind wenig neue dazugekommen. Wir wollen neue Reiter an die Spitzengruppe heranführen.

Wie soll das passieren?

Es wird eine „Perspektivgruppe Springen“ geben, die sich schon im Fahrsport und in der Vielseitigkeit bewährt hat. Darin wollen wir talentierte Reiter, die eine gute sportliche Perspektive haben, gezielt fördern und betreuen.

Braucht der Reitsport ein klares Doping-Reglement, wie die Deutsche Reiterliche Vereinigung FN es gerade mit der Nationalen Anti-Doping-Agentur Nada auszuhandeln versucht?

Wir versuchen, die FN zu beraten, und sind in viele Sachen eingebunden. Das Signal sollte sein: Wir sind bereit, die Kontrollen in fremde Hände zu legen. Auch die Ankündigung der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, nicht mehr über Reitsportveranstaltungen zu berichten, wenn wir das Doping-Problem nicht in den Griff bekommen, ist keine leere Drohung. Die großen Sponsoren sind nur wegen des Fernsehens da.

Geht es im Hochleistungs-Reitsport denn nicht mehr ohne Doping?

Im Moment wird alles in einen Topf geschmissen und nach den Vorfällen von Hongkong …

… wo Christian Ahlmanns Pferd Cöster positiv auf die verbotene Substanz Capsaicin getestet wurde …

… entsteht natürlich der Eindruck, dass im ganzen Pferdesport gedopt wird. Wir brauchen Glaubwürdigkeit. Denn es ist durchaus so, dass die Spitzenreiter mit ihren Pferden vernünftig umgehen. Die Pferde sind ihr Kapital.

Im Springtraining wird aber auch touchiert, also dem Pferd eine leichte Stange vor die Beine geschlagen.

Seit 1990 gibt es klar definierte Regeln. Die besagen, dass man eine leichte, gut sichtbare Stange vorhängen oder die Beine mit einer zwei Kilogramm leichten Holzstange touchieren darf. Die Regeln wurden gemeinsam mit Verhaltensforschern und Tierschützern festgelegt.

Ist ein Bundestrainer verantwortlich, wenn seine Reiter dopen?

Wir werden nach dem Motto „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ arbeiten. Es muss eine gute Vertrauensbasis zwischen Reiter, Trainerteam und Tierärzten herrschen. Alles andere werden wir streng ahnden. Aber ich bin kein Polizist oder Staatsanwalt, der nach solchen Dingen sucht. Wir werden die Augen offen halten, aber die Reiter müssen eigenverantwortlich mitarbeiten.

Hat Ahlmann gedopt?

Es war ein Fehler, dass er die Behandlung seines Pferdes nicht abgesprochen hat. Er ist aber für Medikation und nicht für Doping verurteilt. Der Unterschied wird in der Öffentlichkeit nicht gemacht und den versteht auch kein Außenstehender. Deshalb brauchen wir verständliche Regeln. Die Fakten in seinem Fall, die vom Gericht anerkannt wurden, sind wohl, dass sein Pferd ein Rückenproblem hatte und die fragliche Salbe eingesetzt werden kann. Das erscheint mir schlüssig. Wenn seine zweijährige Verbandssperre vorbei ist, ist das Thema für mich erledigt.

In der Vergangenheit wurde kritisiert, der deutsche Kader setze sich nach Namen und nicht nach Leistung zusammen. Was wollen Sie ändern?

Ich will jedem eine Chance geben. Allerdings müssen die aus dem zweiten Glied erst mal besser sein als etwa die Beerbaums. Gerade mit erfahrenen Leuten kann man nicht umgehen wie mit kleinen Jungs. Ich will eine Linie vorgeben und die Reiter müssen sich an gewisse Spielregeln halten. Aber ich will niemanden bevormunden. Die sollen weiterhin gut und konzentriert reiten und dann sind sie dabei. Aber die Chance, Spitzenleistung zu bringen, die soll bei uns jeder kriegen.

Als Cheftrainer sind Sie für die Leistungsentwicklung im Springsport verantwortlich – wie soll die künftig aussehen?

Es gibt Ansätze. So soll es zum Beispiel eine EM für Kinder unter 14 Jahren auf Großpferden geben. Bisher gab es dies in dem Alter nur für Ponyreiter. Auch Junioren wollen wir vermehrt fördern. Vielleicht auch mit Mentaltraining.

Das hört sich nach Jürgen Klinsmann an. Ist er ein Vorbild für Sie?

Da kann man sich Dinge abschauen. Im Vergleich zu anderen Sportarten hinken wir hinterher. Viele Reiter fangen inzwischen an, sich fit zu halten, zu joggen oder Gymnastik zu machen. So werden sie beweglicher. Für unsere Pferde gibt es alles, Ärzte, Physiotherapie, Massagen, Akupunktur, Leistungsdiagnostik, aber bei den Reitern selbst ist das noch nicht so ausgeprägt.

Das Gespräch führte Katja Reimann.

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