Sprinter bei der Tour de France : André Greipel und die späte Erlösung

Lange schien André Greipel eingeklemmt zwischen den Ausnahmetalenten Cavendish und Kittel. Mittlerweile hat sich der Rostocker trotz vieler Rückschläge zum besten Sprinter der Tour de France entwickelt.

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Gorilla und Gentleman. André Greipel (rechts) genießt unter Kollegen einen guten Ruf.
Gorilla und Gentleman. André Greipel (rechts) genießt unter Kollegen einen guten Ruf.Foto: Reuters/Gaillard

Der neue Kittel heißt Greipel. André Greipel hat das Erbe des schnellsten Tour-Sprinters von seinem Landsmann Marcel Kittel übernommen. Der blonde, aus Rostock stammende Radsportler holte nun schon drei Tagessiege bei der Tour de France. Mit insgesamt neun Erfolgen hat er den Erfurter in der Gesamtbilanz sogar übertroffen. Für die Radsportwelt ändert sich wenig: Beim Massenspurt ist stets ein blonder Deutscher mit Riesenmuskeln vorn. Für André Greipel bedeutet es spätes Glück.

Denn dass er Kittel beerbt, ist schon kurios. Sechs Jahre älter ist Greipel als der in diesem Jahr von seinem Team nicht für die Tour nominierte Kittel, sechs Jahre auch länger im Profigeschäft. Lange hatte er dort auch einen weiteren Jüngeren vor der Nase, im eigenen Team sogar: Mark Cavendish. Mit dem Briten fuhr er vier Jahre bei den Teams T-Mobile und Highroad. Schnell waren beide – und deshalb Konkurrenten. „Am besten löst du das, wenn du beide an verschiedenen Rennen teilnehmen lässt“, erinnert sich Brian Holm, damals sportlicher Leiter bei Highroad, der Cavendish später zu Quick Step folgte, an die gemeinsame Zeit. „Wenn du sie zusammen hast, kommt immer irgendein Journalist und sagt zu dem Einen: ’Hey, hast du gehört, was der andere gesagt hat?’ Dann nimmt er die Antwort und hat eine schöne Story. Für das Team ist es aber meistens weniger schön“, sagt Holm.

Greipels Team setzte bei der Tour lange auf Cavendish

Weniger schön für Greipel war, dass das Team bei der Tour de France lange Zeit auf Cavendish setzte. „Beide sind superschnelle Leute. André ist sogar schneller als Cavendish. Der hat aber die Fähigkeit, explosiver zu beschleunigen. Er kann das in einem Sprint sogar zwei Mal. Das ist seine große Stärke“, sagt Helge Riepenhof, der als Arzt ebenfalls beide Rennfahrer betreute.

Viele Jahre gab dieser Vorteil für Cavendishs den Ausschlag. Während Greipel im B-Rennprogramm unterwegs war, räumte der Kollege und Rivale bei der Tour ab. Der Frust saß tief bei Greipel. Er ließ ihn nur selten heraus, eben auch wissend, welche medialen Dynamiken so etwas auslöst. Greipel ist alles andere als ein Stänkerer, eher einer, der Ruhe will und Ruhe braucht. Ein Teamwechsel sollte 2011 mehr Glück bringen. Doch es wurde nichts. Zwar hatte Greipel jetzt ein paar Männer zur Verfügung, die allein für ihn arbeiteten, allen voran Marcel Sieberg. Er holte auch seinen Anteil an Siegen. Aus dem Schatten von Cavendish aber trat er nie. Und als dann der Stern von Kittel aufging, schien er eingeklemmt zwischen zwei Ausnahmetalenten. Zuviel Leuchtkraft ringsum, um selber als Star wahrgenommen zu werden. Groß und bullig zwar, so dass die Fans ihn „Gorilla“ tauften, aber doch nur ein halber Riese im Vergleich zu Cavendish und Kittel.

Greipel stellte seinem Team die Vertrauensfrage

Die Erlösung kam im letzten Jahr, nach einer Krise. Beim Tourauftakt in England hatte er noch das Hinterrad seines Zugs verloren. „André hat Angst“, warf ihm damals Teamchef Marc Sergeant vor. Angst – ein hartes, ein fast schon beleidigendes Wort für einen Radprofi, der bei Tempo 70 auf zwei schmalen Pneus Schulter an Schulter, Ellenbogen an Ellenbogen, mit all den anderen Muskelpaketen erst um die Lücke rangelt und dann um den Sieg kämpft. Greipel holte die Mannschaft danach zusammen und stellte die Vertrauensfrage. „Glaubt ihr noch an mich?“ Die Antwort war: Ja. Wenige Tage später setzte sich Greipel auf eigene Faust im Sprint in Reims durch. Der Bann war gebrochen. Seitdem strotzt Greipel vor Selbstbewusstsein. „Selbstbewusstsein ist für einen Sprinter wichtig. Hast du es nicht, fällt dir das Siegen schwerer“, sagt Holm.

Siege erzeugen Siege. So ist Greipel auch Favorit für das Finale in Paris. Und weil er sich bei der Frage, ob er der beste Sprinter der Tour ist, bescheiden zurückhält und meint: „Um zu gewinnen, braucht man auch eine starke Mannschaft an seiner Seite“, springt Teamchef Sergeant in die Lücke und sagt: „André hat drei von vier Massensprints gewonnen. Nach dem einzigen Sprint, den er nicht gewann, bedankte sich der Sieger Cavendish bei ihm: ’André, du bist ein Gentlemen, du hast mich nicht blockiert’ Was braucht es mehr, um zu beweisen, wer der Sprintchampion der Tour ist?“ Er ist es, André Greipel, diese Frage ist geklärt.

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