Sprinterin Verena Sailer : Das ganz legale Aufputschmittel

Wenn Leichtathletin Verena Sailer am Mittwoch den Koffer für die WM in Moskau packt, dürfen drei Dinge nicht fehlen: Die Spikes, das Trikot und der MP3-Player. „Wichtig ist, dass ich Musik dabei habe, die mich pusht“, sagt die Sprinterin.

Reinhard Sogl
Ab nach Moskau. Verena Sailer (rechts), Deutschlands schnellste Sprinterin.
Ab nach Moskau. Verena Sailer (rechts), Deutschlands schnellste Sprinterin.Foto: AFP

Das ganz legale Aufputschmittel hat am Freitag in Weinheim bei der Generalprobe für die am kommenden Wochenende beginnende WM prima gewirkt – und Verena Sailer von der MTG Mannheim noch vor den männlichen Kollegen Martin Keller und Julian Reus das Sepp-Herberger-Stadion gerockt. In neuer persönlicher Bestzeit von 11,02 Sekunden, drei Hundertstel schneller als vor einem Jahr, war die Europameisterin von 2010 so flott unterwegs wie als letzte Deutsche Katrin Krabbe 1991. „Schon heftig schnell“, sagt die 27-Jährige.

Schneller als die gebürtige Allgäuerin waren in der Geschichte der deutschen Leichtathletik nur sieben Frauen – die meisten bekanntlich dank unerlaubter Muskelmast. „Ich bin nur froh, dass ich selbst entscheiden kann, dass ich sauber laufe“, sagt Sailer. „Wichtig ist für mich, dass ich ein reines Gewissen habe und weiß, dass ich meine Leistungen ohne illegale Mittel vollbringe.“ Als Belege verweist sie auf permanente Kontrollen und eine kontinuierliche Leistungsentwicklung in den vergangenen zehn Jahren.

Ein bisschen betrübt es die Sportmanagementstudentin schon, dass nach den jüngsten Dopingskandalen auf die Sprinter ein Generalverdacht fällt und mithin auch sie ihre Leistungen rechtfertigen muss. „Es ist schade, weil man ja so viel dafür tut, um einen sauberen Sport betreiben zu können“, sagt sie und gibt zu, dass auch sie schon so manchen Verdacht gehegt hat. Bei „extremen Sprüngen“ in der Entwicklung müsse man sich schon Gedanken machen, sagt sie. „Ich gehe nicht völlig blind in einen Wettkampf. Ich unterstelle aber keinem was.“ Wichtig sei in Rennen gegen teils deutlich schnellere Konkurrentinnen, dass sie sich auf sich selbst konzentriere.

In Weinheim fiel ihr die Fokussierung aufs eigene Tun schon mangels international starker Konkurrenz leicht. Herausgekommen ist trotz eines eher mittelprächtigen Starts bei nahezu perfekten Bedingungen eine Zeit, die sie in der für die WM relevanten Bestenliste – im Fachjargon „bereinigte Rangliste“ – auf Platz neun hievte. Dass sie es etwas wurmte, die zur Traumzeit mit einer Zehn vor dem Komma fehlenden Hundertstel liegen gelassen zu haben, verhehlt sie nicht: „Ich kann besser starten, perfekt ist anders. Das ist dann schon etwas ärgerlich. Aber auch so finde ich die Zeit super.“ Weil „bestimmt noch ein bisschen was drin“ sei, reist sie zuversichtlich nach Moskau.

Weinheim als Mutmacher. „Ich sehe der WM sehr optimistisch entgegen. Ich will schon ins Halbfinale kommen“, sagt Sailer. Es dürfte aber auch ein bisschen mehr sein als 2009 in Berlin, wo sie als schnellste weiße Sprinterin in der Vorschlussrunde ebenso ausschied wie nach einem kompletten Jahr Pause aufgrund von Achillessehnenproblemen bei Olympia 2012. Wie weit man kommt, sei auch immer ein bisschen Glückssache. Ihre Vorgabe lautet: „An die persönliche Bestleistung rankommen und vielleicht noch ein bisschen mehr“, sagt Sailer: „Ich will, dass es sich gut anfühlt.“

Für die Staffel sind ihre Ziele ähnlich. „Wir wollen ins Finale, wir sind ganz gut aufgestellt“, sagt Verena Sailer. 2009 hat sie das Quartett zu Bronze geführt, im vergangenen Jahr bei der EM zu Gold und bei Olympia auf Rang fünf. Um die Erfolge zu wiederholen, bedarf es intensiven Wechseltrainings, weshalb ihr nach der 100-Meter-Entscheidung am Montag keine Zeit bleiben wird, den Roten Platz und die anderen Sehenswürdigkeiten Moskaus zu besuchen. „Aber ich bin ja nicht da, um mir die Stadt anzugucken.“

Einen Reiseführer wird sie nicht einpacken.

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