Sport : Sprit und Spiritismus (Kommentar)

Johannes Taubert

Der Mythos Lebt. Stell dir vor, es wird gar nicht Fußball gespielt, jeder weiß es, und alle gehen hin. Die einzige Religionsgemeinschaft, die sich eine Profifußballtruppe hält, die unter der Bezeichnung FC St. Pauli in der Zweiten Bundesliga kickt, ist nicht abgestiegen. Die Mannschaft auch nicht, was durchaus einem Wunder nahekommt. Die Gemeinde feiert geschlossen (20 700 Zuschauer - ausverkauft) die (saisonbedingt) letzte Messe unter freiem Himmel. Und die Dramaturgie war mal wieder perfekt. 1:1 gegen Rot-Weiß Oberhausen, Markus Marin erzielt den Ausgleich kurz vor dem Schlusspfiff. Anschließend Fete bis zum Morgengrauen. So soll es sein.

Es ist nicht die Fußballkunst, die sie ins Stadion treibt, seit Jahren schon nicht mehr. Hier beharrt man eher auf einer altmodischen Liebe zu einem Verein, die sich nicht einfach Moden oder Tabellenkonstellationen unterwirft. Es ist die kollektive Leidensfähigkeit, die saisonlange Trauerarbeit, die hier zu leisten ist. Und es ist der Zusammenhalt der Gemeinde der loser und underdogs und derer, die ein Herz für jene haben, der sie stets wieder zusammenströmen läßt. Die Spiele des FC St. Pauli sind der Anlaß, nicht der Grund, warum die Gemeinde sich im Stadion sammelt. Deshalb ist es eigentlich auch egal, in welcher Liga der FC St. Pauli denn nun spielt.

Am Millerntor oben am Anfang und Ende der Reeperbahn wissen sie, dass man nicht immer auf der Sonnenseite des Lebens stehen kann. Nirgendwo wissen sie das besser als hier. Schließlich lebt man zwei Straßen weiter vom Geschäft mit Illusionen. Deswegen ist übrigens da wie dort ein Alkoholverbot wie beim wieder großen HSV hier vollkommen ausgeschlossen. Ohne den Genuss bewusstseinsverändernder Getränke sind die Vorgänge auf dem Rasen selten nachzuvollziehen. Oder auszuhalten. Und der hier vorherrschende Spiritismus hat nun schon sprachlich auch überwiegend mit Sprit zu tun.

Was nun den Sport betrifft, muss man festhalten, dass die Mannschaft auch über einen richtigen Fußballer verfügt mit Namen Marin. Ein anderer war das auch mal, der spielt aber auch noch. Der heißt Andre Trulsen. Genannt Truller. Truller war schon in den besten Zeiten des Vereins dabei, als er zusammen mit André Gohlke (dem besten St.-Pauli-Spieler) in Harburg eine Doppelhaushälfte beziehen konnte und man den VfB Stuttgart (mit Klinsmann) 2:1 schlug und überhaupt mehr mit Fußball am Hut hatte als heute. Der Trainer hieß damals Helmut Schulte und der Präsident Otto Paulick, ein vorbestrafter Rechtsanwalt mit großem Herz. Was auf dem Kiez einem Adelstitel gleichkommt. Einen besseren und passenderen Präsidenten hat St. Pauli nie gehabt.

Aber die Zeiten kommen nicht wieder. Die Mannschaften wechseln. Die Gemeinde bleibt, der Mhytos auch. Kann man beides in jeder Liga gebrauchen.

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