Sport : Sprünge ohne Leichtigkeit

Michael Uhrmann kämpft als bester Deutscher bei der Vierschanzentournee mit dem gestiegenen Druck

Benedikt Voigt

Garmisch-Partenkirchen - Michael Uhrmann blickte in die Menge und beneidete plötzlich einen Teamkollegen. „Ich bin mit dem Georg Späth auf einem Zimmer, der kann es sich jetzt dort bequem machen“, sagte der deutsche Skispringer. Während der Kollege womöglich bereits unter der Dusche stand, musste sich Uhrmann im Dorint-Hotel in Garmisch-Partenkirchen auf einen Stuhl setzen und rund 30 deutschen Journalisten jeden einzelnen Sprung erklären. Er sagte: „Es ist schon sehr ungewohnt für mich, dass so viel auf mich geschaut wird.“

Die hohen Erwartungen haben Michael Uhrmann in den ersten beiden Springen der Vierschanzentournee früher als sonst zu Boden gedrückt. „Ich tue mich im Moment schwer, damit umzugehen“, sagt Uhrmann, „mir fehlen die Leichtigkeit und die Lockerheit, die ich vor der Tournee hatte“. Als Weltcup-Vierter hatte er Hoffnungen auf einen Spitzenplatz geweckt. Auch bei sich selbst. „Meine eigenen Erwartungen waren sehr hoch“, sagte er, „aber ich bin jetzt nicht frustriert.“ Vor den abschließenden Springen am Mittwoch in Innsbruck und am Freitag in Bischofshofen liegt er auf Platz sechs der Gesamtwertung. Zu gut, um sich zu ärgern. Zu schlecht, um zu feiern. Uhrmann bekommt nun den Druck zu spüren, der in den vergangenen Jahren auf Sven Hannawald und noch früher auf Martin Schmitt lag. Die Öffentlichkeit erwartet einen Platz unter den besten drei. „Als ich in den vergangenen Jahren bei der Tournee Siebter und Achter wurde, hat das niemanden interessiert“, sagt Uhrmann.

Nun aber trug er vor der Tournee alleine die deutschen Hoffnungen. Kamerateams filmten sein neues Haus in der 800-Seelen-Gemeinde Breitenberg und das Schild der Straße, an dem sein neues Haus liegt. „Michael-Uhrmann-Straße“ steht darauf geschrieben. Die Männerzeitschrift „FHM“ wünschte ein Interview. Beim Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen hatte eine 17-Jährige aus Augsburg ein Schild gemalt, auf dem stand: „Wer ist Hanni, wer ist Schmitt, nur Schorsch und Uhri sind der beste Tipp.“ Noch bessere Tipps sind gegenwärtig allerdings die beiden Tourneeführenden Janne Ahonen aus Finnland und Jakub Janda aus Tschechien.

Die hohen Erwartungen haben auf der Olympiaschanze bei Uhrmann vielleicht sogar eine bessere Platzierung verhindert. Nach einem guten ersten Sprung hatte er sich vor dem zweiten vorgenommen, alles zu riskieren. Aggressiv stürzte er sich nach dem Absprung dem Tal entgegen. Zu aggressiv. „Er hat das Wesentliche vergessen“, sagte Bundestrainer Peter Rohwein, „die Technik.“ Trotzdem, sagt Uhrmann, hätte sich das Risiko gelohnt. „Wenn ich einen normalen Sprung gemacht hätte und Fünfter geworden wäre, hätte mich das auch geärgert.“

Rohwein wehrte sich aber dagegen, das Abschneiden seiner Springer als schlecht anzusehen, nur weil Uhrmann keine Spitzenplatzierung gelang. „Wir sind immer noch in der Lage, bessere Platzierungen als im Vorjahr zu erreichen“, sagte er. Er hat noch Späth als Neunten und Alexander Herr als Vierzehnten in der Gesamtwertung. Nur Schmitt, der sich nicht für das Neujahrsspringen qualifizieren konnte, enttäuscht als einziger deutscher Springer. Nach einem Gespräch mit ihm hat Rohwein entschieden, Schmitt soll weiterhin in der Tournee mitspringen. Zumal er – anders als Michael Neumayer – schon für die Winterspiele in Turin qualifiziert ist.

Michael Uhrmann aber liegt so gut wie noch nie zuvor bei einer Tournee im Rennen. „Das war auch mein Ziel, ich habe nach wie vor das nötige Selbstvertrauen“, sagte er, blickte die Schar der Journalisten an und erhob sich. Erst jetzt durfte er in das Hotelzimmer, in dem Georg Späth schon lange war.

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