Sport : Sprung in die Zukunft

Das deutsche Turnen leidet unter mangelnder Attraktivität – der Verband will das dringend ändern

Christian Hönicke

Berlin - Die Servicementalität ist nun auch im ältesten Sportverband Deutschlands angekommen. „Wir müssen attraktiver werden“, sagt Rainer Brechtken, Präsident des Deutschen Turner-Bundes (DTB). „Wir müssen einen Mehrwert bieten.“ Beides traf auf die Leistungen der deutschen Spitzenturner in der Vergangenheit nicht unbedingt zu, vom Gold der Trampolinspringerin Anna Dogonadze und dem sensationellen achten Platz der Männerriege um den neuen Star Fabian Hambüchen bei den Olympischen Spielen in Athen einmal abgesehen. Die fehlende Attraktivität des deutschen Turnens zeigt auch das folgende Beispiel: Seit Januar sucht der Verband erfolglos einen neuen Bundestrainer für die Kunstturnerinnen. Jetzt hat sich der DTB dazu entschlossen, die Stelle öffentlich auszuschreiben. Anzahl der Bewerbungen bisher: eine.

Um das zu ändern, führt der zweitgrößte Sportverband Deutschlands die wohl umfangreichste Neustrukturierung seiner Geschichte durch. Am Ende soll „die Erringung von Medaillen bei Europameisterschaften, Weltmeisterschaften und den Olympischen Spielen 2012“ stehen. „Das ist natürlich ein gewaltiges Ziel“, gibt Sportdirektor Wolfgang Willam zu. Um es zu erreichen, sollen jetzt Talente aufgebaut werden. Schließlich kann man sich nicht ewig auf eingebürgerte Medaillenhoffnungen wie die Georgierin Dogonadze verlassen.

Ein neues Stützpunktsystem ist der Kern des Konzepts. Flächendeckend werden so genannte Turn-Talentschulen für Kinder von sechs bis zehn Jahren eingeführt, höhere Altersklassen sollen danach in Turnzentren und Bundesstützpunkten an die internationale Klasse herangeführt werden. Hinzu kommen deutschlandweit einheitliche Trainingspläne und Rahmenbedingungen. Außerdem soll die Trainerausbildung verbessert werden, denn Willam weiß, „dass wir dort vor allem im Nachwuchsbereich noch großen Nachholbedarf haben“. Doch das alles kostet Geld, und so „werden wir um eine Erhöhung der Elternbeiträge nicht herumkommen“, gibt Rainer Brechtken zu. Leichter wird es dadurch nicht, die Kinder in die Turnhallen zu locken.

Der DTB weiß, dass er nicht nur mit anderen Sportverbänden, sondern auch mit dem Fernsehen oder dem Computer im Konkurrenzkampf um die Gunst des Nachwuchses steht. Deshalb will er sich vom Sportbund im herkömmlichen Sinne in ein Dienstleistungsunternehmen verwandeln und das Kinderturnen als Einstieg in den Breiten- und Spitzensport als „Marke positionieren“. „Die Eltern fragen sich: Wo ist der Mehrwert für mein Kind?“, sagt Brechtken. Eine Antwort liefert er auch gleich mit: Die Jugendlichen sollen in den Turnzentren auch Ausbildungsmöglichkeiten erhalten. In Stuttgart sollen die Turner demnächst beispielsweise einen Bachelor-Studiengang Sportmanagement besuchen können. Ein weiterer Service ist Fitnessgymnastik für Senioren, die beim DTB „Gym-Welt“ heißt. Brechtken will durch dieses Angebot von der Bevölkerungsentwicklung in Deutschland profitieren. Beim Internationalen Deutschen Turnfest in Berlin (14. bis 20. Mai) wird immerhin ein Viertel der 100 000 Teilnehmer älter als 50 Jahre sein.

Die neue Servicementalität macht auch vor den Wettkämpfen nicht halt. Zwar betrachtet der Internationale Turnverband (FIG) Neuerungen eher skeptisch – wie das „Winner’s Final“ beim Weltcup in Stuttgart, bei dem die beiden besten Turner im Finale gegeneinander antreten. „In der Bundesliga können wir aber machen, was wir wollen“, sagt Brechtken. Dort hat der DTB das einfache Hintereinanderwegturnen durch den direkten Zweikampf ersetzt, wie es zum Beispiel auch im Skispringen längst geschehen ist. Außerdem sollen die Wettkämpfe auf die Länge eines Fußballspiels gestrafft werden. Brechtken schweben auch VIP-Logen in den Hallen vor, „in denen man ein gutes Bier trinken kann. Denn allein wegen des Magnesiumgeruchs geht heute keiner mehr in die Turnhalle.“

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