Sport : Sprung ins wilde Leben

Junge Sportler können oft Sport und Beruf nicht vereinbaren – Volleyballer Kromm lässt sich deshalb beraten

Steffen Hudemann

Berlin. Wenn Robert Kromm abends nach dem Training nach Hause kommt, muss der 2,12 Meter große Sportler sich beim Pförtner anmelden. Manchmal fragt ihn der Hausmeister, ob er sein Zimmer schon aufgeräumt habe. Und wenn er Besuch mitbringt, muss dieser sich in ein Buch ein- und wieder austragen. Dabei ist der 20-Jährige längst erwachsen, beendet in wenigen Monaten seine Ausbildung zum IT-Systemkaufmann und ist Stammspieler beim Deutschen Volleyballmeister SC Charlottenburg. Robert Kromm fühlt sich trotzdem wohl im Internat des Coubertin-Gymnasiums in Prenzlauer Berg, obwohl er fast der Älteste im Haus ist. Ein Jahr darf er noch in seiner Zweieinhalbzimmerwohnung bleiben, dann wird er sich etwas anderes suchen müssen.

Was für den Sportler heute bequem ist, war vor vier Jahren von entscheidender Bedeutung. Der damals 16-Jährige wechselte nach dem Realschulabschluss aus Schwerin nach Berlin, um am Olympiastützpunkt zu trainieren. „In dem Alter wäre es schwierig gewesen, allein zu wohnen, da war das Internat eine große Hilfe“, sagt Kromm.

Kromm hat das geschafft, woran viele Sportlerkarrieren scheitern. Er hat den Übergang von der Schule ins Berufsleben bewältigt, ohne den Sport aufzugeben. Mit dem Problem des Ausstiegs von Nachwuchssportlern beim Übergang vom Junioren- in den Seniorenbereich, dem so genannten Drop-Out, beschäftigt sich heute eine Expertenanhörung des Sportausschusses im Bundestag. „Seit acht Jahren hören wir schon vom Deutschen Sportbund, dies sei ein großes Problem“, sagt Dagmar Freitag, sportpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion.

Um das Problem in den Griff zu bekommen, gibt es inzwischen immer mehr Laufbahnberater. Cornelia Leukert ist eine von ihnen. Sie arbeitet am Olympiastützpunkt in Berlin und hatte schon viele Sportler vor sich, die aufhören wollten. „Häufig sind private Gründe die Ursache, die erste Freundin zum Beispiel“, erzählt Leukert. „Oft stagniert auch die Leistung, und den Sportlern fällt es schwer, sich weiter zu motivieren.“

Gemeinsam mit Eltern, Lehrern und Arbeitgebern versuchen Leukert und ihre Kollegen, Sportlerkarrieren frühzeitig zu planen. Je nach Sportart werden die Athleten im Alter zwischen 13 und 18 Jahren das erste Mal beraten und besuchen anschließend das Sportinternat oder machen, wie Robert Kromm, eine Ausbildung in einem Partnerbetrieb des Olympiastützpunktes. Dort kann er die Ausbildung in vier statt in drei Jahren absolvieren, sodass genug Zeit fürs Training bleibt. Doch wenn Kromm in der Woche mit dem SCC zu Auswärtsspielen in der Champions League und der Bundesliga unterwegs ist, fehlt er natürlich. Sein Ausbilder hat Verständnis dafür. „Aber finden Sie so jemanden mal in der freien Wirtschaft“, sagt Cornelia Leukert. Die Laufbahnberaterin meint, dass neben Trainern, Eltern, Athleten und Arbeitgebern auch die Politik gefordert ist. Viele Athleten seien Studenten. Nun werden Langzeitstudiengebühren eingeführt. „Natürlich studieren Leistungssportler länger als andere“, sagt Leukert. „Es kann nicht sein, dass die Athleten, die bei Olympia für Deutschland kämpfen, dafür bezahlen müssen.“ Sie hofft nun auf eine Ausnahmeregelung.

Dass Drop-Out kein neues Phänomen ist, kann die 49-Jährige übrigens aus eigener Erfahrung bezeugen. In der DDR war Leukert selbst viel versprechende Leichtathletin im Mehrkampf, Spezialdisziplin Diskus. Doch mit 16 bekam sie Rückenprobleme, war verletzt und hörte auf.

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