Spurensuche in Wedding : Die Jungs von der Panke

Wie viel Hertha steckt eigentlich noch in den Kindern des Wedding? Unser Autor Lucas Vogelsang war im Fußballkäfig und hat nachgefragt.

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Der Boateng-Käfig. Wie das ehemalige Stadion Gesundbrunnen gehört auch dieser Bolzplatz an der Travemünder Straße zu Herthas Geschichte. Er ist ein Nachwuchsleistungszentrum aus Asphalt und Maschendraht. Jerome und Prince Boateng lernten hier das Spiel, das sie zu Stars gemacht hat.
Der Boateng-Käfig. Wie das ehemalige Stadion Gesundbrunnen gehört auch dieser Bolzplatz an der Travemünder Straße zu Herthas...Foto: Uwe Schwarze

Messi ist da. Ronaldo auch. Und noch mal Messi. Und Ronaldo. Vielleicht kommt später auch Kaka, wenn er noch zum Spielen raus darf. Die Jungs an der Travemünder Straße, Sackgasse auf Kopfsteinpflaster, tragen die Weltstars in ihren Frisuren, die Weltklubs auf den schmalen Körpern. Ihre Mütter kaufen bei Aldi, sie träumen von Real. An den Trikots, die ihre Sehnsüchte verraten, ist jedenfalls nicht zu erkennen, dass das hier Hertha-Land ist. Tiefster Wedding. Alter Arbeiterbezirk.

Hertha BSC ist ganz in der Nähe groß geworden, Plumpe, Behmstraße. Nur etwa eineinhalb Kilometer entfernt vom Panke-Käfig, dem Boateng-Käfig, Ghetto auf vielleicht fünfzig Quadratmetern. Ähnlich wie das ehemalige Stadion Gesundbrunnen gehört auch dieser Fußballplatz zur Geschichte des Vereins. Weil seine jüngere Vergangenheit hier aufgewachsen ist, weil die Brüder Boateng, Jerome und Prince, zwischen den sechs Holzstreben, ihren Toren zur Welt, das Spiel gelernt haben, das sie zu Stars gemacht hat. Ein Nachwuchsleistungszentrum aus Maschendraht, Asphalt und einem grünen Himmel aus Nylonseilen, der das Sonnenlicht filtert.

Dieser Käfig ist ein guter Ort, um mal zu schauen, was noch übrig ist. Wie viel Hertha da noch ist, in den Kindern des Wedding. Jetzt, da der Verein, 120 Jahre nach seiner Gründung, den Wedding längst hinter sich gelassen hat.

Hertha? Ist das nicht ein Drink?

Allerdings nicht viel los hier. Dienstagnachmittag, 30 Grad im Parkschatten, Ferienzeit, Freibadzeit. Das Ghetto hat Sommerpause. Kinder auf dem Spielplatz, daneben Pennerpicknick. Es gibt Schultheiß zum Berliner Kindl. Stört auch keinen. Im Käfig nur die Weltstarzwerge, maximal zehn Jahre alt.

Solche Dreikäsehochs, wie man hier im Wedding ja gerne noch sagt, in eine Unterhaltung über Hertha BSC zu verwickeln, gleicht dann auch eher einer Fußballsonderausgabe von Dingsda. Der Reporter versucht es trotzdem.

Wichtigste Frage zuerst: Habt ihr eigentlich einen Lieblingsverein? Die Dreikäsehochs überlegen kurz, ziehen Grimassen, und sagen dann: „Ja, Deutschland!“

Na gut, zweiter Versuch. Im Duktus einer Grundschulpädagogin: „Kennt ihr Hertha BSC? Wisst ihr, was das ist?“ Leuchtende Kinderaugen, hoffnungsvoller Reporter. „Ich kenne das“, sagt einer, „das ist ein Drink.“ Mehr sagen sie nicht, gehen wieder spielen.

Danke, Jungs. Und so bleibt der Reporter mit der Frage zurück, warum ein Sechsjähriger im Wedding Hertha BSC nicht kennt, dafür aber das Wort Drink problemlos aussprechen kann. Jetzt könnte er selbst auch erst mal einen gebrauchen. Die Männer mit dem Schultheiß aber sind weitergezogen.

Dafür sitzen dort nun zwei Jugendliche auf einer Parkbank, die Panke im Rücken. Sitzen dort, wie es sich für Jugendliche gehört: Auf der Lehne, die Füße auf der Sitzfläche. Maximal lässige Haltung. Sie sprechen kaum, der Deutsche trinkt in regelmäßigen Zügen Wasser aus einer Plastikflasche. Sitzen dort, als warteten sie. Auf Freunde, auf den Abend. Auf irgendwas. Sieht aus, als hätten sie Zeit.

"Ich wohne hier. Das ist meine Stadt. Ist doch klar, dass ich für Hertha bin."

Der Reporter setzt sich zu ihnen. Sie schauen auf, Schluck aus der Wasserflasche, stellen sich vor. Tobi und Burak. Jungs von der Panke. Schon immer hier, für immer hier. Burak, 17 Jahre alt, könnte in ein paar Jahren den gemütlichen Grenzer in einem Film von Fatih Akin geben. Er sieht älter aus, als er ist, dunkler Flaum auf den Wangen, Melancholie im Blick. Tobi, 18, sehniger Windhundkörper, Gesichtszüge, die seinem tatsächlichen Alter in ihrer Kindlichkeit mit einem Abstand von etwa drei Jahren zu folgen scheinen. Hätte so im Berlin der Zwanziger auch Zigaretten auf dem Schwarzmarkt verkaufen können. Ein Junge wie aus den Büchern Klaus Kordons. Wedding, original. Das passt schon mal. Sprechen wir also über Hertha BSC. Gerne. Schluck aus der Wasserflasche.

Hertha, sagt Tobi gleich, das ist mein Verein. Sein Vater, gelernter Dachdecker, in Wedding geboren, „‘n richtjer Berliner“, hat ihn schon früh in die Kneipen mitgenommen, ins Stadion. So etwas prägt: „Er ist hundert Prozent Hertha-Fan, deswegen musste ich auch, seit ich klein bin, einer sein.“ Da gilt die alte Weisheit, dass man sich seinen Verein ebenso wenig aussuchen kann wie seinen Vater. Tobi aber ist stolz darauf, simple Begründung: „Ich wohne hier. Das ist meine Stadt, meine Mannschaft. Ist doch klar, dass ich für die bin. Wäre doch doof, wenn ich Bayern-Fan wäre.“ Klingt logisch. Und auch Burak, der bisher nichts gesagt hat, nickt.

Burak: „Ich finde, wenn man Berliner ist, sollte man auch für Hertha sein.“

Tobi, kopfschüttelnd: „Ich sage: Muss. Wer Berliner ist, darf nicht für Bayern sein. Ich mache immer die fertig, die sich freuen, wenn Hertha verliert. Ich verstehe das nicht.“

Burak: „Genau. Hauptstadt ist Beste. Berlin, ja!“

So einfach ist das. Gut ausgeprägter Lokalpatriotismus im Wedding. Echte Berliner, die Jungs. Sie halten zu diesem Verein, weil es für sie gar keine Alternative gibt. Und dass Hertha jetzt zweitklassig spielt – geschenkt.

"Was habe ich von Hertha? Die spielen doch in der Zweiten Liga"

An den letzten großen Aufstieg, 1997, die Champions-League-Saison zwei Jahre später, können sie sich ohnehin nicht erinnern. Dafür sind sie zu jung. Tobi ist 1994 geboren. Das erste Spiel, das er bewusst erlebt hat, war ein Sieg gegen Freiburg, 9. April 2005. Mit einem Marcelinho-Traumtor aus 48 Metern. Er holt sein Smartphone aus der Hosentasche, zeigt die Szene noch mal: „Der war damals mein Lieblingsspieler.“

Das war damals, zu jener Zeit, als Tobi selbst noch für Hertha spielen wollte. Zur Karriere als Fußballer hat es dann aber doch nicht ganz gereicht. Deshalb spielen sie jetzt einfach nur noch so. Wie immer, für immer. Typische Bolzplatzfolklore. Auch heute wieder. Noch aber fehlen zwei Spieler. Es wird telefoniert. „Gleich kommt noch einer, so ein Holzkopf.“ Wenige Minuten später: Auftritt Holzkopf. Begrüßungsgesten wie gepflegte Ohrfeigen.

„Der ist so einer“, sagt Tobi, „mit dem wir immer streiten wegen Hertha.“ Einer der Hater, wie Tobi die Heimatverräter aus dem Viertel nennt.

Der Holzkopf aber lacht nur: „Hertha? Was habe ich von Hertha? Die spielen doch in der Zweiten Liga.“

Im Olympiastadion war er nur einmal. Ausflug mit der Klasse, Besichtigungstour. Ganz ohne Fußball. „Sein Lieblingsverein ist Manchester United“, sagt Tobi und spuckt dem Holzkopf seine Verachtung vor die Füße.

Der wehrt sich mit einem dieser Weddinger Hinterhofsätze, bei denen man nie genau weiß, ob sie jetzt Aussage oder Frage sind: „Rooney, Hernandez, Young. Was willst du, ja!“

Aggressives Namedropping. Tobi müsste jetzt eigentlich zurückschießen, aber ihm fallen nur Ramos und Raffael ein. Ein eher schwacher Return. Also erklärt er dem Holzkopf lieber noch mal, warum er ihn für einen Holzkopf hält. Wunderbares Hin und Her. Und doch entsteht daraus, fast unvermittelt, tatsächlich eine hitzige Diskussion. Zwischen dem Holzkopf und Tobi. Burak schweigt erst mal und raucht.

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