Sport : Spurensuche

Nach seiner Suspendierung wird die Vergangenheit von Rad-Bundestrainer Weibel untersucht

Frank Bachner

Berlin - Die ganze Wahrheit ist noch nicht bekannt, aber es gibt wohl genügend Indizien gegen Peter Weibel. Deshalb hat der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) seinen U-23-Bundestrainer auch erst einmal suspendiert. Der 57-Jährige soll in den 80er Jahren als Bundestrainer Amateurfahrern das Dopingmittel Testosteron gegeben haben. Weibel hat wohl noch nichts eingeräumt. Jedenfalls teilt der BDR mit: „Es liegen zu den Vorgängen in den 80er Jahren unterschiedliche Aussagen vor.“ Der Verband will laut BDR-Chef Rudolf Scharping, „das ganze Umfeld der 80er Jahre klären sowie das konkrete Handeln der Beteiligten“.

Zumindest aus Sicht des Ex-Amateurfahrers Jörg Müller ist da nicht mehr viel zu klären. Er habe 1987 von Weibel mehrfach das Testosteron Andriol erhalten. Das erzählte Müller der „Süddeutschen Zeitung“. Andriol ist ein Anabolikum, es dient auch dem Muskelaufbau. „Aber die Hauptwirkung ist die Steigerung der Aggressivität. Der Umstand, dass es während eines Rennens verabreicht worden sein soll, spricht eindeutig dafür, dass dieser Effekt erreicht werden sollte“, sagt Fritz Sörgel, Leiter des Instituts für Pharmazeutische Forschung in Nürnberg. Auch der gedopte Tour-Sieger von 2006, Floyd Landis, hatte Testosteron genommen und dadurch eine phänomenale kämpferische Leistung geboten. Andriol war und ist bis heute allerdings rezeptpflichtig. „Das erhalten nur Patienten mit Testosteron-Mangel, und diese Gruppe ist klein“, sagt Sörgel. Wenn also ein gesunder Athlet Andriol erhalten hätte, „dann hätte der verschreibende Arzt kriminell gehandelt“.

Der wichtigste Athlet von Weibel hieß allerdings nicht Müller, sondern Jan Ullrich. Der gewann als Amateur 1993 den WM-Titel. Weibels letztes Einsatzgebiet war die U-23-Nationalmannschaft. Die fiel 2006 auf, weil einer ihrer Fahrer im Nationaltrikot in der ARD-Sendung „Report“ erklärte: „Ob einer Dopingmittel nimmt, muss man ihm überlassen.“

Als er selbst noch Fahrer war, hatte Weibel sich über mutmaßlich gedopte Konkurrenten geärgert. Das lässt Friedrich von Loeffelholz durchblicken. Der Ex-Nationalfahrer wurde mit Weibel 1976 Olympiavierter im Straßenvierer. Weil ausländische Gegner vermutlich gedopt gewesen seien, „sind wir doch hinterhergefahren“. Immerhin gewann Weibel 1973 die Rheinland-Pfalz-Rundfahrt. Ob der spätere Bundestrainer sich gedopt habe, wisse er nicht, sagt von Loeffelholz. Doch er betont: „Unter unserem Bundestrainer Ziegler war Doping nie Thema.“ Aber er habe als 25-Jähriger aufgehört, weil er, unausgesprochen, nur einen neuen Vereinsvertrag bekommen hätte, wenn er gedopt hätte.

Auf sportpolitischer Ebene wird der Ton rauer. Peter Danckert (SPD), Vorsitzender des Sportausschusses im Bundestag, erklärte, die deutschen Sportverbände seien nicht ernsthaft an einer Dopingaufklärung interessiert. Sonst würde offenkundig, dass flächendeckend gedopt werde. Er forderte eine Amnestie für geständige Dopingsünder. Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), reagierte scharf: „Es ist eines Sportausschuss-Vorsitzenden unwürdig, solche Äußerungen ungeprüft in die Welt zu setzen.“ Eine Generalamnestie sei zudem ein Generalfreibrief. (mit dpa)

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