SSC Neapel : Drei Tenöre gegen die Bayern

Der SSC Neapel träumt von einer Renaissance der großen Zeiten unter Diego Maradona. Und die Vorzeichen stehen gut.

Tom Mustroph
Mit Leidenschaft und Präzision. Edinson Cavani trägt die Hoffnungen des SSC Neapel. Hier verwandelt der Uruguayer einen Elfmeter gegen Villarreal. Foto: dapd
Mit Leidenschaft und Präzision. Edinson Cavani trägt die Hoffnungen des SSC Neapel. Hier verwandelt der Uruguayer einen Elfmeter...Foto: REUTERS

Auf dem Spielplan steht eigentlich nur die dritte Runde der Champions League, aber die Stadt Neapel bereitet sich auf das größte Feuerwerk der jüngsten Geschichte vor. Das Stadio San Paolo ist zum heutigen Gastspiel des FC Bayern München (20.45 Uhr, live bei uns im Live-Ticker) mit 60.000 Zuschauern ausverkauft, was dem SSC Neapel eine Einnahme von 2,5 Millionen Euro beschert. Das ist sehr viel mehr als in den Jahren der Maradona-Ära, als Napoli zweimal Meister wurde, der Fußball aber noch ein überschaubares Geschäft war.

Voller überbordender Leidenschaft hatten die Fans bereits im September die Anknüpfung an die zurückliegende Epoche gefeiert. Beim ersten Heimspiel in der Champions League nach 21 Jahren wurde ein Feuerwerk in den italienischen Nationalfarben gezündet. In den Rauchschwaden wurden die Gegner bei jeder Ballberührung ausgepfiffen. Den FC Villarreal verließ in dieser Atmosphäre jeglicher Mut. Neapel siegte hochverdient 2:0 und gilt nach dem vorausgegangenen 1:1 beim Premier-League-Spitzenreiter Manchester City längst nicht mehr als Außenseiter in der starken Vorrundengruppe A.

Die Bayern werden gute Nerven brauchen, und sie sollten auch Napolis 1:2 Niederlage am Wochenende in der Serie A gegen den FC Parma nicht überbewerten. Denn an guten Tagen ist die Mannschaft um den uruguayischen Stürmer Edinson Cavani zu allem fähig. „Wir sind schwach gegen die Kleinen und stark gegen die Großen“, konstatierte die Lokalzeitung „Il Mattino“. Zwei Niederlagen gegen Parma und Chievo Verona stehen Siege gegen den AC Milan, Inter Mailand und den FC Villarreal gegenüber.

Für die Ausrutscher nach unten machen italienische Medien den ansonsten gefeierten Trainer Walter Mazzarri verantwortlich. „Er kann die Doppelbelastung aus Meisterschaft und internationalem Fußball nicht richtig dosieren“, behauptet die römische Tageszeitung „Repubblica“. Gegen Chievo Verona hatte er viele seiner Stars pausieren lassen und damit die zweite Reihe sichtbar überfordert. Gegen Parma versuchte er es mit der entgegengesetzten Option – mit gleichbleibendem Misserfolg. Beide Male scheiterte Mazzarri an der Aufgabe, angesichts eines wenige Tage später folgenden Auftritts in der Champions League die Konzentration auf konstantem Niveau zu halten. Augen, Herzen und Hirne waren jeweils auf die attraktivere Aufgabe in der nahen Zukunft gerichtet.

„Napoli zeichnet sich durch seine Reaktivität und das blitzschnelle Umkehrspiel aus“, analysiert Altstar Dino Zoff, der vor seiner großen Zeit bei Juventus Turin fünf Jahre in Neapel spielte. Die von Leidenschaft und Temperament getriebene Mannschaft ist das exakte Gegenstück zum FC Bayern, der auch an schlechteren Tagen ein Ergebnis verwalten kann.

Trotz dieser Mängel bezeichnet das Fachblatt „Gazzetta dello Sport“ den SSC Neapel zur „derzeit spielstärksten italienischen Mannschaft“. Genauso sieht es Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge, der den Spielbetrieb in der Serie A nach seiner Zeit bei Inter Mailand immer noch aufmerksam verfolgt. Sein Respekt gilt vor allem dem Slowaken Marek Hamsik, dem Argentinier Ezequiel Lavezzi und eben Edinson Cavani. Dieses Offensivtrio hat sich in Italien den Ehrennamen „Die drei Tenöre“ erspielt und lässt die Neapolitaner von einer Renaissance der großen alten Zeit träumen.

Die Grundlagen dafür legte Klubbesitzer Aurelio de Laurentiis. Der Filmproduzent hatte den Klub vor sieben Jahren nach einem Konkurs übernommen und aus der dritten Liga ganz nach oben geführt. Als nächstes Ziel hat de Laurentiis den Gewinn der Champions League ausgerufen. Das ist verwegen, aber der Mann ist nicht zu unterschätzen. De Laurentiis hat aus dem einstigen Skandalklub ein solides Unternehmen gemacht und ihn sogar vor den Zudringlichkeiten der Camorra bewahrt. Für Neapolitaner Verhältnisse ist das eine Kulturrevolution.

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