Sport : SSV Ulm: Die Spitze des Südens geht Konkurs

Oliver Trust

Lange haben Spitzensportchef Walter Feucht und Präsident Alexander Hirn verzweifelt die Vorwahl 0044 für England gewählt. Doch bei Lloyds in London konnte so schnell keiner helfen. Der Versicherungsgigant, der sonst Ozeanriesen und Öltanker mit Millionensummen versichert, hat die Fußballpleite im Südwesten Deutschlands nicht mehr verhindern können. Vor einem Jahr hatten die Ulmer eine Nichtaufstiegsprämie über fünf Millionen Mark vereinbart. Die kommt erst Ende Juni zur Auszahlung. Man werde sich melden, hieß es aus London lapidar. Zu spät für die Ulmer.

So richtig geglaubt hatte beim SSV wohl keiner mehr an die Rettung in letzter Sekunde. Es wäre schon ein Wunder gewesen, wenn sie in England ein Gespür für deutschen Amateurfußball entwickelt hätten. So kam, was kommen musste: Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) verweigerte den Ulmern, die vor zwei Jahren in die Bundesliga aufgestiegen waren, die Lizenz für die Fußball-Regionalliga. Der SSV Ulm muss noch weiter absteigen. Wohin weiß keiner. 1998 Aufstieg in die zweite Liga, 1999 Bundesliga, 2001 Oberliga? Selbst die vierte Klasse ist gefährdet. Der Klub hat die Einleitung eines Insolvenzverfahrens beantragt. Der Verein mit 14 000 Mitgliedern soll nun als Breitensportklub gerettet werden.

Das Abenteuer Profifußball endet für den SSV, gegründet 1846, mit dem Absturz ins Bodenlose. Am Montag schlugen auch die letzten Versuche fehl, die nötigen Millionen aufzutreiben. Zum Regionalliga-Etat von rund 5,5 Millionen Mark hatte der DFB Garantien verlangt. Die vom Verband geforderten Gesamt-Garantien über 11,7 Millionen Mark erwiesen sich als zu schwere Last. "Ich bin frustriert", sagte Feucht. "Wenn ich schaue, wie sich Düsseldorf, Essen und Magdeburg zusammengerottet haben, dann ist es schon beschämend und eine Schande für eine Region und eine Stadt von der Wirtschaftskraft Ulms. Hier aber gab es kein Aufbäumen, keinen Aufschrei." Still und leise vollzog sich die Abwicklung des SSV Ulm.

Präsident Hirn trat zurück, Feucht und seine Familie erhielten Morddrohungen. Hintergrund der Roten Karte durch die DFB-Instanzen sind die Forderungen des ehemaligen Vermarktungs-Partners Kinowelt von sechseinhalb Millionen Mark. Dazu kommen Schadenersatzforderungen der Kinowelt, weil die Ulmer ein Aktienpaket nicht rechtzeitig zurückgaben. Im Streit um die Aktien hatten die Ulmer vor Gericht eine Niederlage erlitten.

"Es ist eine Kinoweltphobie entstanden. Sponsoren waren zögerlich, die Stadt, alle", sagt Feucht. Die Kinowelt hat den Ulmern am Ende eine Ratenzahlung angeboten. Vergeblich. Geld will sie aber haben, ihr Chef Michael Kölmel braucht es für sein in finanzielle Engpässe geratenes Unternehmen und andere marode Klubs. Bis zuletzt hatten Spitzensportchef Walter Feucht, der drei Millionen Mark aus seinem Privatvermögen beisteuern wollte, und die Sparkasse Ulm, die 2,5 Millionen Mark zu zahlen bereit war, an einer Wendung zum Guten gearbeitet. Am Ende war alle Arbeit umsonst, denn die Stadt Ulm mochte nicht mehr mitziehen.

Nach mehrstündigen Debatten lehnten die Fraktionschefs nach Beratungen mit Oberbürgermeister Ivo Gönner weitere Hilfen für den SSV Ulm ab. Die Stadt hatte dem Verein erst vor wenigen Wochen mit einem Grundstück geholfen. "Irgendwann einmal ist Schluss", sagte Gönner, der "keine Mark" zur Sanierung der Kinowelt beisteuern wollte."

Hier kontert Feucht: "In Ulm hat keiner über die Blamage und Imageverlust für die Stadt nachgedacht. Wir hätten es geschafft. Mit ein paar Tagen mehr Zeit", sagt der millionenschwere Unternehmer. "Es war der alte Vorstand, der die Kinowelt ins Boot holte. Und die Kinowelt hatten wir niemals nötig. Jetzt sind wir auf zehn Jahre so gut wie tot. Es klingt wie Hohn, dass sich die Stadt Spitze des Südens nennt".

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben