St. Pauli : Anarchy in the UK

Mitten in London wird der deutsche Zweitligist FC St. Pauli angefeuert. Die Fans tragen T-Shirts mit Totenköpfen oder "Millerntor". Warum verlieren Engländer ihr Herz an St. Pauli?

Markus Hesselmann[London]
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Gegen das Establishment. St. Pauli-T-Shirt -Foto: Upsolut merchandising/ Benne Ochs

Fußballzeit im Pub. Auf dem Großbildschirm an der Wand läuft ein Spiel. „Come on!“ – „For God's Sake!“ – „That was awful!“, rufen die Fans an den Tischen. So weit alles wie immer. Doch irgendetwas ist hier anders. Diese Fans tragen verdächtige braune und schwarze T-Shirts mit Totenköpfen oder Che Guevara vorn drauf. Auf einem steht „Millerntor“. Mitten in London wird der FC St. Pauli angefeuert. Auf Englisch. Das Bier und das Essen aber sind deutsch. „New German Bar Snack: 5 Nürnberger Sausages!“, annonciert ein Werbereiter auf dem Tisch. Dieser Londoner Pub ist ein deutscher Pub. Er nennt sich „Zeitgeist“, ein deutsches Wort, das auch im Englischen so benutzt wird. „Blitzkrieg“, „Schadenfreude“ oder „Kindergarten“ kamen in dem Fall nicht in Frage.

Der Londoner St.-Pauli-Fanklub trifft sich zu allen Spielen des deutschen Zweitligisten im Zeitgeist-Pub im Stadtteil Lambeth südlich der Themse. Gern fahren die Mitglieder – es sind insgesamt zwanzig, drei Viertel davon Briten – auch zu den Heimspielen am Millerntor. „Dass Hamburg eine spannende Stadt ist, hilft natürlich“, sagt Malcolm, einer der Fans, wie viele hier so um die 50 und stilvoll ergraut – Generation Punk. Schade nur, dass die Schiffsverbindung von Harwich nach Hamburg inzwischen eingestellt wurde. Da konnte man schon auf der Überfahrt schön feiern. Aber der Billigflieger tut’s auch.

Schwierige deutsche Namen

Pete kommt etwas zu spät und nimmt Platz. Er sieht ein bisschen aus wie Elton John. Vor sich auf den Tisch legt er eine Klarsichthülle, in der ein Computer-Ausdruck mit den Mannschaftsaufstellungen steckt. Die einzelnen Namen hat er mit einem Textmarker hervorgehoben. Ihn irritiert, dass bei St. Pauli die Schriftzüge der Spieler auf den Trikots hinten nicht oben stehen, sondern der Klub. „Ich weiß, wie das Team heißt“, sagt er und lacht. „Ich will aber mitbekommen, wer wann am Ball ist.“ Auf dem Rücken unten sind die Namen schwerer zu erkennen. Und Namen wie Rothenbach, Gunesch und Schnitzler sind ja für Engländer auch nicht gerade einprägsam. Warum also ein deutsches Team? Warum St. Pauli? Dabei geht es nicht nur um Fußball, die Aura des Rebellenklubs zählt, der Punkrock, das Autonome, das St. Pauli verkörpert. „Wenn du links bist und dich für Musik interessierst, dann kommst du automatisch irgendwann auf St. Pauli“, sagt Pete. Und Pete legt Wert auf seine Credibility, seine Glaubwürdigkeit als Punk der ersten Stunde. Gerade erst habe er wieder mit Attila the Stockbroker gequatscht, dem Ur-Punk, dem Dichter, dem Sänger, dem Helden der linken Working Class, oder dem, was in Großbritannien davon übrig geblieben ist.

Celtic kommt ins Spiel

Kevin – auf der Insel nennen sich alle beim Vornamen, erst recht beim Fußball – hat eine andere Theorie über die Liebe zum FC St. Pauli: „Es hat mit Celtic zu tun und mit der traditionellen Fanfreundschaft.“ Alle Fans des katholisch-irischen Glasgower Vereins FC Celtic seien automatisch auch für St. Pauli. Das ginge gar nicht anders. Schließlich zögen beide Klubs die Underdogs an und seien strikt anti-establishment. „Du kannst in jeden Celtic-Pub in London gehen. Jeder kennt da St. Pauli. Es kann natürlich auch sein, dass du als bloody German rausgeschmissen wirst.“ Kevin, Nachname: O’Keeffe, grinst ironisch-irisch-böse und sieht dabei ein bisschen aus wie Donald Sutherland.

Die anderen Pauli-Fans aus dem Zeitgeist-Pub halten die strikte Gleichung Celtic–Pauli allerdings für ein bisschen gewagt. Jeder hier unterstützt neben St. Pauli noch einen Klub aus der Heimat. „Ich bin Brentford-Fan“, sagt Pete und zeigt sein Tattoo mit dem Logo des viertklassigen West-Londoner Vereins, das er ebenso stolz trägt wie das St.-Pauli-Emblem auf dem anderen Arm. „Die Tattoos muss ich bei meiner Arbeit als Grundschullehrer immer verstecken“, sagt Pete. Und seinen Ohrring nimmt er dann auch raus. Interessiert Pete die Premier League gar nicht, die erfolgreichste Fußball-Liga der Welt? „Nein, zu teuer.“

Das Erbe Elton Johns

Malcolm ist da schon näher oben dran. Er hält für einen Klub aus der „Championship“, wie sich Englands zweite Liga seit einiger Zeit euphemistisch nennt. „Ich bin für Watford“, sagt Malcolm, der kein bisschen aussieht wie Elton John. Der Klub aus Londons nördlichem Umland, den der Popstar einst mit seinem Geld aufpäppelte und bis in den Uefa-Cup führte, hat eine besondere Beziehung zu St. Paulis Gegner an diesem Abend, dem 1. FC Kaiserslautern. „Hans-Peter Briegel!“, sagt Malcolm. Der Zehnkämpfer unter den Fußballern habe ihn damals beeindruckt, als der FC Watford 1983 Lautern in der ersten Runde aus dem Uefa-Cup warf. Wie man wohl „Walz aus der Pfalz“ ins Englische übersetzt? Vielleicht „Bulldozer from the Pfalz“? Wie auch immer: An diesem Abend sieht es nicht so aus, als könne es der FC St. Pauli dem FC Watford gleichtun. Das Spiel endet 1:4. Bleibt die Hoffnung auf diesen Freitag, wenn St. Pauli gegen Eighteen-Sixty Munich antritt.

Dass nicht alle St.-Pauli-Fans auf der Insel in seine Celtic-Gleichung passen, muss am Ende auch Kevin zugeben. Philip zum Beispiel. Der ist Amerikaner und konnte heute nicht kommen. Wegen der einstündigen Zeitverschiebung gegenüber Deutschland begann das Spiel schon um 17 Uhr britischer Zeit. Da mussten viele St.-Pauli-Fans passen.

St. Pauli und Boss Hoss

Man konnte Philip aber zum Beispiel kürzlich beim Konzert der Berliner Band Boss Hoss in London treffen. Da stand er im Publikum mit seinem Totenkopf-T-Shirt und Schuhen mit dem blau-weiß-roten Muster des Union Jack. „Er hat die Ikonografie nicht verstanden“, sagt Kevin verständnisvoll über seinen amerikanischen Kollegen. Der Union Jack, die Fahne des Vereinigten Königreichs, sei schließlich das Symbol der Glasgow Rangers, des verhassten Celtic-Rivalen. Und die britische Fahne stehe nun einmal für das protestantische, anti-irische Establishment.

Doch wie kommt ein Amerikaner überhaupt zum FC St. Pauli? „Durch das Internet“, sagt Philip. Er sei dort immer auf der Suche nach Kuriosem und Authentischem. Und da sein Vater früher als Soldat in Deutschland stationiert gewesen sei, habe er darüber hinaus noch ein Interesse an Deutschland. „Im Internet habe ich dann zunächst Boss Hoss entdeckt. Eine großartige Band.“ Von da aus ist der Weg zum Millerntor nicht weit. Schließlich tragen die Berliner Countrypunker auch gern St.-Pauli-T-Shirts auf der Bühne.

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