Sport : Stabhochspringen: Ein halbes Auge weint

Robert Hartmann

Das Beste der enttäuschten deutschen Stabhochspringer sagte noch Michael Stolle. "Ich habe eineinhalb lachende Augen und ein halbes weinendes Auge." Der Leverkusener war genau so hoch gekommen wie der Amerikaner Nick Hysong. Nämlich 5,90 Meter. Der eine feierte sein Gold mit ungläubigem Staunen, denn er hatte auf keiner Rechnung gestanden, und am Tag der Tage schwang er sich zu einer persönlichen Bestleistung auf. Dagegen blieb dem erblondeten Deutschen die unangenehmste aller Platzierungen, Rang vier. Unterwegs auf den vier Stationen von 5,50 Meter an aufwärts hatte er mit fünf Fehlversuchen vier mehr als der neue Olympiasieger. Als letzter Athlet hatte Stolle es kurz in der Hand, das Blatt zu wenden, aber "die Beine waren platt. Ich hätte nicht gedacht, dass 5,90 Meter nicht für eine Medaille reichen würden". Aber so ist nun mal Olympia.

Es war ein verrückter Wettkampf, dessen Ausgang niemand, der sich im Geschäft auskennt, vorausgesagt hätte. Es war wie mit der Oma, die im Toto die größten Experten beschämt. Hysongs Landsmann Lawrence Johnson holte Silber vor dem Titelverteidiger, dem in Budapest lebenden Russen Maksim Tarassow. Herb traf es das deutsche Trio. Wenigstens eine Medaille hatte in der Luft liegen sollen. Von den anwesenden Springern hatten Stolle und Danny Ecker gute Vorleistungen erbracht. Und dahinter sollte ihr eigentlicher Häuptling lauern, der zuletzt leicht schwächelnde Hallen-Europameister Tim Lobinger, immerhin der Deutsche Meister. Von den vier letzten Golden-League-Meetings hatten Ecker zwei und Stolle eines gewonnen, und die Weltelite hatte nichts dagegen tun können.

Eine gewisse Vorfreude hatte sich besonders um den Namen des 23-jährigen Danny Ecker aufgebaut. Seine Mutter Heide Rosendahl war der deutsche Liebling in München 1972 gewesen, die Zeitzeugen werden sich noch lebhaft an ihre zwei Goldmedaillen im Weitsprung und mit der Sprintstaffel erinnern. In der Mixed Zone kämpfte sie sich dann zu ihrem Sohn vor, um ihn über seinen achten Platz und die wirklich nicht schlechten 5,80 m hinwegzutrösten. Seine ersten Versuche waren die besten. Das Gesetz aber lautet, dass die besten Versuche vorgeführt werden müssen, wenn die Latte am höchsten liegt. Das ist ein Kunststück, das nicht immer gelingt.

Die fünf Monate Verletzungspause im Winter hätten ihn doch zurückgeworfen, sagte Ecker. Eine richtig stabile Sicherheit habe sich nie aufbauen können. Dabei hatte man gehofft, seine Nonchalance würde ihm über die Defizite hinweghelfen, und seine Zwischenhochs waren mit frohen Erwartungen für Sydney wärmstens beklatscht worden. Heide Rosendahl konnte ihren mütterlichen Trost praktischerweise auch schon wieder mit neuen Hoffnungen garnieren. Dabei berief sie sich auf ihre eigene abgrundtiefe Enttäuschung in Mexiko 1968. "Bei meinen ersten Spielen war ich auch nur Achte." Nun heißt es, einem gewissen Familienrhythmus zu vertrauen. Warten auf Athen 2004.

Lobinger ist ein exaltierter Darsteller. Ihn musste der 13. und letzte Platz hart treffen. Schon bei seiner zweiten Höhe, gewöhnlich zum Antesten gedacht, 5,70 m, strich der 28-Jährige die Segel. Sein Wort zum schwarzen Freitag lautete: "Riesenenttäuschung." Er habe sich wegen seiner durchwachsenen Vorleistungen als Außenseiter gefühlt. Doch er ist auch gern pfiffig. Also "glaubte ich, das bringt mir was". Nur wenige Wettkämpfe hätten ihm im Jahr 2000 Spaß gemacht. Dass er einmal innerhalb von 17 Tagen zehn Wettkämpfe bestritt, brachte ihm zwar eine Stange Geld ein, aber professionell verhielt er sich damit nicht gerade. Denn wer Volltreffer landen will, der muss sich auch auf sie vorbereiten.

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