Sport : Stabhochsprung: Absprung von der Aschenbahn

Frank Bachner

Sie wuchteten zwei Hochsprungmatten aufeinander. Und stellten Kästen unter die Ständer der Hochsprunganlage. Dann liefen die Schüler mit kleinen Stäben auf die Latte zu. Zuvor war der Übungsleiter zu Annika Becker gekommen und hatte gesagt: "Ich habe von Stabhochsprung keine Ahnung. Aber mach doch bei uns mit." Der Trainer hatte sich ein paar Videos über Stabhochsprung angeschaut und ein paar Artikel gelesen, der Rest war Gottvertrauen. So hat es bei Annika Becker angefangen. Damals war sie 13.

Jetzt ist sie 19. Geändert hat sich nicht viel. Ihr damaliger Trainer coacht sie auch heute noch. Er trainiert mit ihr Kraft, Kondition, Schnelligkeit. Nur für das Techniktraining fährt sie 45 Minuten zu einem anderen Betreuer. Ist der besser? Nun ja, sagt Annika Becker, ein bisschen. Und: "Er macht nichts kaputt." In ihrem Verein, der LG Alheimer/Bebra, haben sie jetzt eine neue Tartanbahn. Es gibt auch eine alte Bahn. "Aber bei Regen war die so glitschig, dass man nicht darauf laufen konnte", sagt Annika Becker. Also trainierte sie auf einer Aschenbahn. Wie Athleten in den fünfziger Jahren. In Stuttgart, bei den Deutschen Meisterschaften, ist sie ihre letzte Höhe mit einem geliehenen Stab gesprungen. Ihre Siegeshöhe auch. Diesen Stab hatte sie von einer anderen Konkurrentin ausgeliehen.

Die Trainer, die Stäbe, die Aschenbahn, das gehört alles zur Geschichte der Annika Becker. Vor allem aber gehört ihre Siegeshöhe dazu. 4,55 m, deutscher Rekord, 14 Zentimeter über ihrer bisherigen Bestleistung. Fast wäre sie sogar noch Europarekord mit 4,61 m gesprungen.

Eine außergewöhnliche Geschichte? Eine Athletin mit solchen Bedingungen wird 1997 Jugend-Europameisterin und 1999 Zweite der Junioren-Weltmeisterschaften. Man könnte natürlich Annika Becker als Symbol verkaufen. Eine Frau kämpft sich nach oben gegen alle widrigen Bedingungen. Nur wird man ihr damit nicht gerecht. Erstens sind große Leistungsschübe im Frauen-Stabhochsprung nicht ungewöhnlich. Zweitens ist nicht klar, dass die 19-jährige Abiturientin stabil 4,50 m springt. Sie sagt: "Ich kann es noch gar nicht begreifen, dass ich jetzt auf dieser Ebene stehe."

Annika Becker steht für Talent und Unbekümmertheit, mit der widrige Bedingungen hingenommen werden. Und sie gehört zu den Athleten, die sich Uwe Hakus, der Sprint-Bundestrainer, ganz allgemein wünscht. "Wir haben genug Talente", sagt er. Doch noch zu wenige davon streben ernsthaft nach oben. "Die Trainer müssen mehr mit denen arbeiten", sagt Hakus, "aber die müssen auch mit sich arbeiten lassen."

Bitte, Annika Becker steht bereit. Sie wird jetzt den Verein wechseln. Hauptsächlich wegen des Studiums. Aber sie hat auch noch einen anderen Grund: "Ich möchte endlich einen richtigen Stabhochsprung-Trainer."

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