Sport : Stabhochsprung: Teamgeist in der Höhe

Ernst Podeswa

Gestern abend war Danny Ecker wieder in seiner Welt. Ein Stadion, mehrere Wettkämpfe gleichzeitig Fans, die jubeln und schreien und klatschen, ein Meeting halt. Istaf im Olympiastadion. Diese besondere Atmosphäre. Der Stabhochspringer Ecker mag diese Welt. "Gaukelspringen" mag er nicht. "Gaukelspringen" nannte er das, was am Donnerstagnachmittag an der Gedächtniskirche passierte: Stabhochsprung mitten in der Stadt. Sport auf Marktplätzen, vor dem Kölner Dom, am Strand von Binz oder sonstwo ist Usus geworden. Ecker mag das alles nicht, weil das artistische Springen mit dem Stab an solchen Schauplätzen gefährlicher ist als in Stadien oder Sporthallen. Und Rekorde oder Bestleistungen nur dort anerkannt werden. Für den Leverkusener ist interessanter, was bei hochkarätigen Sportfesten unter meisterschaftsähnlichen Bedingungen abläuft. Wie bei den Meetings der Golden League in Zürich, Brüssel oder gestern Abend im Olympiastadion. Auf den erstgenannten beiden Stationen hat der Sohn der Weitsprung-Olympiasiegerin von 1972, Heide Rosendahl-Ecker, gewonnen. "Ich bin überzeugt, dass Danny sehr bald die sechs Meter packt", meint Trainer Leszek Klima, als sich sein Schützling vor einer Woche auf 5,90 m steigerte.

Es würde aber niemand wundern, wenn zwei andere deutsche Springer diese magische Höhe überwinden würden. Denn Eckers Vereinskollege Michael Stolle (25) hat die Gegnerschaft kürzlich beim Golden-League-Treff in Monte Carlo mit 5,95 m düpiert. Persönliche Bestmarke und Rang zwei in der Jahres-Weltbestenliste. In der Höhe noch etwas zurück (derzeit 5,85 m) rangiert zwar der Kölner Tim Lobinger (28), doch er wurde in Braunschweig souverän Deutscher Meister. Er hat als erster DLV-Athlet 1997 die 6-m-Grenze geknackt, war 1998 Hallen-Europameister und EM-Zweiter im Freien und gilt als Riegenführer des Trios.

Jeff Hartwig sieht Lobinger als Wegbereiter für den Aufstieg der Deutschen in die Weltspitze: "Als er die sechs Meter meisterte, hat er den anderen ein Beispiel gegeben. Wenn der das schafft, dann können wir das auch."

Hartwig, der Pythonschlangen-Züchter, ist Jahresweltbester mit 6,03 m. Doch sein Missgeschick, man könnte auch sagen Versagen, bei den US-Trials mit drei Fehlversuchen bei der Einstiegshöhe von 5,70 m, erhöht die Medaillenchancen der Deutschen in Sydney. Denn damit hatte der 32-Jährige das Olympiaticket verpasst: "Alle drei haben das Können für eine olympische Medaille. Und derzeit ist Ecker für mich sogar leicht favorisiert für Gold."

Der Saisonverlauf, die Weltrangliste und die Wertschätzung der Konkurrenz bestätigen: Die Stabhochspringer haben innerhalb des deutschen Teams den Diskuswerfern mit dem Erfolgsdoppel des zurückliegenden Jahrzehnts, Lars Riedel/Jürgen Schult, den Rang der aussichtsreichsten Fraktion streitig gemacht. Bundestrainer Herbert Czingon sieht einen interessanten Hintergrund für die derzeitige Dominanz der deutschen Stabhochspringer: "Wir haben es verstanden, das Knowhow verschiedener Springerschulen zu bündeln, ein Klima der gegenseitigen Offenheit und des Erfahrungsaustauschs zum Zwecke der Leistungsentwicklung zu schaffen." Gemeint sind die Kenntnisse, die der eingebürgerte Weißrusse Andrej Tiwontschik, Olympiadritter für Deutschland 1996, ebenso einbrachte wie der Trainer und Vater der Hallen-Weltmeisterin Nastja Ryshich, Wladimir Ryshich (Russland), der aus Polen eingewanderte Leszek Klima sowie vorher der frühere Bundestrainer Ivan Macura-Böhm aus Tschechien. "Als einige von denen zu uns kamen, haben sie anfangs auch separat und abgeschottet trainiert. Das haben wir auflösen können." Der Fachmann Czingon warnt aber auch, das Fell des Bären zu verteilen, bevor Meister Petz erlegt sei: "Klar, alle drei können Medaillen gewinnen. Aber sie können auch wie im Vorjahr bei den Weltmeisterschaftn in Sevilla direkt neben dem Medaillenpodest stehen." Denn die auffällige Zurückhaltung der Platzhirsche bei der Höhenjagd könne damit zusammen hängen, dass jene "nicht zu früh ihr Pulver verschießen wollen. So spät im Jahr ging es noch nie um Medaillen." Der Bundestrainer glaubt daher, dass "Tarassow, der Australier Makarow, der Amerikaner Hysong oder selbst der von Verletzungen geplagte Atlanta-Champion Galfione aus Frankreich auf der Matte stehen, wenn die olympischen Podestplätze ausgesprungen werden." Ein bisschen, das schon, denkt er aber auch an die Deutschen.

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