STABHOCHSPRUNG : Vierte, Vierte, immer nur Vierte

Frank Bachner
Alte, neue Stärke. Nach seinem missratenen Auftritt im Mehrkampf turnte Fabian Hambüchen am Reck wie in seinen besten Tagen. Foto: dapd
Alte, neue Stärke. Nach seinem missratenen Auftritt im Mehrkampf turnte Fabian Hambüchen am Reck wie in seinen besten Tagen. Foto:...Foto: dapd

London - Die Tränen hatte sie weggewischt, aber die Augen waren immer noch gerötet. Silke Spiegelburg stand noch in den Katakomben des Olympiastadions, es war erst ein paar Minuten her, dass sie geheult hatte. Und mit diesen geröteten Augen stieß sie diesen Satz aus, den sie wie einen Fluch empfindet: „Ich werde immer Vierte. Warum immer ich? Vierte, Vierte, ich kann es langsam nicht mehr hören.“

Leszek Klima musste es hören, ihm brüllte sie den Satz entgegen, als sie ein paar Meter von der Stabhochsprungmatte stand. Und Klima, der Trainer der Dauer-Vierten im Stabhochsprung, die diesmal im olympischen Finale Bronze verpasst hatte, konnte letztlich auch nur ein paar Floskeln sagen. Er hatte alles von einem Zuschauerplatz aus verfolgt. „Silke ist in der Form ihres Lebens“, hatte er vor dem Finale gesagt. „Ich habe mich so locker und gut gefühlt, ich hatte Spaß“, sagte Silke Spiegelburg nach dem Finale.

Der Spaß hatte ein Ende, nachdem sie bei 4,75 Meter endgültig ausgeschieden war. Höher als 4,65 Meter war sie fehlerfrei an diesem Abend nicht gekommen. Bei 4,70 Meter hatte sie im ersten Versuch gerissen, danach war sie gleich auf 4,75 Meter gegangen. Gründe? Sie kannte keine, zumindest konnte sie in diesem Moment keinen benennen. Sie sagte nur: „Heute war es echt Glückssache mit dem Wind.“

Vierte also wieder. Wie bei der WM 2009, wie bei der Hallen-WM 2012, wie bei der EM 2012. Eine Medaille wollte sie, auf Gold hatte sie gehofft. Seit sie in Monaco im Juli 4,82 Meter überquert hat, liegt sie in der Weltjahres-Bestenliste auf Rang zwei. Aber Gold ging an Jennifer Suhr aus den USA, die Kubanerin Yarisley Silva holte Silber.

Bronze ging an die Frau, die sich nach ihrem letzten Fehlversuch lächelnd und winkend von den Zuschauern verabschiedete. Der ganze Druck löste sich in dieser Geste, die Zuschauer dankten mit warmem Applaus. „Ich wollte Gold holen“, sagte Jelena Isinbajewa später. „Aber ich bin erleichtert, dass der Olympiastress jetzt vorbei ist.“ Gold hätte bedeutet, dass die Russin wieder ihre alte Rolle besetzt hätte: Die Frau, die das Stabhochspringen beherrscht. 28 Weltrekorde, Olympiasieg 2004 und 2008, das ist Teil ihrer Bilanz.

Jeder konnte sehen, wie brutal dieser Druck war. Schon ihre Anfangshöhe, für sie lächerliche 4,55 Meter, riss sie erst mal, da ging schon ein Raunen durchs Stadion. Später vergrub sie vor einem Versuch ihr Gesicht sekundenlang in einem blauen T-Shirt, man konnte sogar rätseln, ob sie gerade weint. Die ganze Körpersprache deutete schon an, was später auf der Anzeigentafel stehen sollte: Bronze war für die 30-Jährige an diesem Tag ihre Leistungsgrenze.

An diesem Tag aber nur, Isinbajewa fühlt sich unverändert als Herrscherin der Lüfte. Sie will ihre alte Rolle zurück, sie will als die große Lady des Stabhochsprungs abtreten. „Mit Bronze will ich nicht aufhören“, sagte sie. Eigentlich wollte sie nach der WM 2013 in Moskau abtreten. „Ich überlege, bis Olympia 2016 weiterzumachen.“ Frank Bachner

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