Sport : Stabiler Trend

Borussia Mönchengladbach setzt auf junge Spieler – weil der Trainer es so will

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Kasey Keller muss sich um seinen Arbeitsplatz wirklich keine Sorgen machen. Der Torhüter aus den USA ist der Liebling der Fans von Borussia Mönchengladbach, seine Fehlerquote geht gegen null, und erst am vergangenen Wochenende hat er seine Mannschaft wieder einmal vor einer Niederlage bewahrt. Beim Stand von 0:1 vereitelte er eine Großchance des VfL Wolfsburg, am Ende gewann Gladbach 3:1. All seinen Verdiensten zum Trotz sagte Keller nach dem Spiel: „Aus irgendeinem Grund stand ich auch auf dem Platz. Das hat den Altersschnitt auf 22,7 angehoben.“ Keller wird in einem Monat 37, und so langsam wächst er aus der Mannschaft heraus. Vorigen Samstag verteidigten vor ihm unter anderem: Oliver Kirch, 24 Jahre, Tobias Levels, 19, und Marvin Compper, 21. Zufall ist das nicht.

Die Fußball-Bundesliga verzeichnet zurzeit einen erfreulichen Trend zur Jugendlichkeit, doch stabil ist dieser Trend noch nicht. In der Regel entsteht er aus finanzieller Not, in Stuttgart war das so, in Dortmund und auch bei Hertha BSC. Manager Dieter Hoeneß beharrt zwar darauf, dass er die verschärfte Nachwuchsförderung bereits eingeleitet habe, bevor den Berlinern das Geld ausging; die Chance auf regelmäßige Einsätze haben die jungen Herthaner jedoch erst, seitdem sich Hoeneß keine teuren Spieler mehr leisten kann. Dass die schöne Jugendphilosophie schnell vergessen ist, wenn die finanzielle Situation sich wieder einigermaßen konsolidiert hat, beweisen die Beispiele Stuttgart und Dortmund. Bei Borussia Mönchengladbach könnte dies anders sein. Der Verein setzt auf den Nachwuchs, nicht weil er dazu gezwungen ist – sondern weil der Trainer es so will.

Kaum jemand verkörpert dieses Konzept so glaubhaft wie Jupp Heynckes. „Man muss junge Spieler der Stammelf zuführen und ihnen eine Chance geben“, sagt Borussias Trainer. „Das ist immer mein Motto gewesen, egal ob bei Borussia Mönchengladbach, bei Bayern München oder bei Real Madrid.“ In seiner ersten Amtszeit in Gladbach holte Heynckes Lothar Matthäus aus Herzogenaurach, er entdeckte Stefan Effenberg, bei Benfica Lissabon befreite er Maniche aus dem Reserveteam und selbst bei Real baute er auf junge Spieler wie Guti und Morientes.

„Ich habe junge Spieler sehr konsequent geformt, gefördert und vorangebracht“, sagt Heynckes. „Dazu gehört viel Mühe, viel kreative Arbeit, viel Führung auch in sozialer Hinsicht. Das ist eine Sisyphusarbeit, zu der nicht alle Trainer bereit sind.“ Tobias Levels sagt, Heynckes „bindet die jungen Spieler ganz einfach ein, er steht hundertprozentig hinter ihnen und schult sie immer wieder“. In den ersten sieben Spielen haben die Gladbacher sechs Spieler aus dem eigenen Nachwuchs eingesetzt: Marcell Jansen, Eugen Polanski, Johannes van den Bergh, Tobias Levels, Marvin Compper und Robert Fleßers. Bis auf den Schwaben Compper stammen alle aus dem Großraum Mönchengladbach. Selbst Hertha, für die Jugendarbeit zuletzt hymnisch besungen, hat in dieser Saison nicht mehr Spieler aus dem eigenen Nachwuchs aufgeboten, den 31 Jahre alten Torhüter Christian Fiedler inklusive.

Dass Heynckes eine neue Linie verfolgen würde, hat er schon vor der Saison angedeutet: Von den fünf Zugängen war nur Federico Insua älter als 25. In den Jahren zuvor haben die Borussen vornehmlich Halbinvaliden über 30 verpflichtet. Als Heynckes auch noch die Routiniers Jeff Strasser und Milan Fukal gehen ließ, musste er sich anhören: „Oh, dann gibt es für die Abwehr ja gar keine Alternative mehr. Aber ich wusste, dass wir Alternativen haben.“ Tobias Levels zum Beispiel, der seit dem Winter bei den Profis trainiert und wohl auch heute in Berlin wieder von Anfang an spielt. „Ich habe volles Vertrauen zu ihm“, sagt Heynckes. „Das ist ein cooler Typ.“ Karrieren wie die von Levels betrachtet er auch als „Motivation für die Spieler aus der U 19 und der U 23“. Idealerweise trägt sich das Konzept irgendwann selbst, „wenn junge Spieler sehen, dass sie in Gladbach die Chance haben zu spielen“. Dass ein Talent wie Jan Schlaudraff für eine lächerliche Ablöse verkauft wird und dann bei einem anderen Verein Nationalspieler wird, ist unter Heynckes so gut wie ausgeschlossen.

Einziger Leidtragender der Entwicklung ist zurzeit Horst Wohlers, der Borussias U 23 trainiert und jede Woche die besten Spieler den Profis überlassen muss. Die Regionalliga-Mannschaft hat in elf Spielen sechs Punkte geholt und ist mit deutlichem Abstand Tabellenletzter.

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