Stadionabriss : Yankees raus

Babe Ruth schlug Bälle, Päpste beteten, Muhammad Ali boxte – nun wird das Yankee Stadium von New York abgerissen

Matthias B. Krause[New York]
YANKEES Foto: AFP
Baseball-Kathedrale. Yankee Stadium.Foto: AFP

Der Abschied fiel allen schwer, den Fans, den Spielern, den Angestellten. Die Letzten gingen morgens um vier Uhr, da hatten die New York Yankees längst die Baltimore Orioles besiegt im letzten Spiel in ihrem alten Stadion. Die nächste Saison werden sie im kommenden April in der neuen Luxusarena beginnen, die derzeit auf der anderen Straßenseite entsteht. Aber Erinnerungen ziehen so leicht nicht um. Vor 85 Jahren war das Yankee Stadium in der Bronx das größte, schönste, modernste im Land, und ihr Star Babe Ruth weihte es standesgemäß mit dem ersten Homerun ein. Bald tauften sie das Baseballfeld „The House That Ruth Built“, zu Ehren der Baseballlegende, die mit den Yankees die Höhepunkte ihrer Karriere feierte und ihnen mit ihrer Popularität half, die Baseball-Kathedrale zu finanzieren.

In New York sind die Yankees kein Sportteam, sondern eine Religion, über die sich Straßenjungs die Nasen blutig prügeln und zu der Väter mit ihren Söhnen und Töchtern pilgern wie andere sonntags zur Kirche. Das Stadion war ihre Kathedrale, hier gewannen die Yankees alle ihre 26 Titel. Hierher kam Ruth 1947 zurück, um sich von seinen Fans zu verabschieden. Als er ein Jahr später starb, bahrten sie ihn vor dem Stadioneingang auf, und 100 000 kamen, um ihm das letzte Geleit zu geben. Die Stätte in der Bronx, Ecke East 161st Street und River Avenue, war auch mehr als nur ein Haus für Baseball und – eine Zeit lang – das Footballteam der New York Giants.

Joe Louis schlug hier Max Schmeling

Drei Päpste hielten dort ihre Messen ab, Joe Louis verprügelte dort 1938 Max Schmeling, Muhammad Ali 1976 Ken Norton. Nelson Mandela nutzte den Ort, um mit den New Yorkern 1990 seine Freilassung und das Ende der Apartheid in Südafrika zu feiern. Im September 2001 traf sich dort die halbe Stadt für einen Gedenkgottesdienst nach den Anschlägen auf die Zwillingstürme des World Trade Centers. „Dieser Ort ist ein Teil unserer Geschichte“, sagte Yankees-Manager Joe Girardi am Abend, „nicht nur des Baseballs, sondern unseres Landes.“ Der Abschied war auch deshalb ein wenig bitter, weil die Yankees in dieser Saison praktisch keine Chance mehr haben, die Play-offs zu erreichen, daran änderte auch das 7:3 gegen Baltimore nichts.

Für den letzten Abend hatten sie noch einmal alles aufgeboten. Schauspieler mimten die verstorbenen Legenden Lou Gehrig und Joe DiMaggio. Ruths Stieftochter Julia Ruth Stevens durfte den ersten Ball des letzten Spiels werfen. Sieben Stunden vorher hatte das Stadion bereits die Tore für die Fans geöffnet, die einen Rundgang auf dem heiligen Feld machen durften.

Devotionalien-Diebe

Allerdings nur unter den wachen Augen des extra um 2000 Leute aufgestockten Sicherheitspersonals. Immer wieder mussten sie Versuche unterbinden, eine Handvoll roten Sand zu stibitzen, ein Büschel Gras in die Tasche zu stecken. Auch die Getränkehalter, die Sitze, alles andere war tabu, diese Devotionalien wollen die Yankees selbst versteigern. Die Spinde aus den Umkleideräumen stehen dann zum Verkauf, die Drehkreuze vom Eingang, selbst die Urinale sollen unter den Hammer kommen. Mehr als 2,5 Millionen Dollar will der Klub so einnehmen, bevor die Abrissbirne die Tribünen plattmacht.

Pläne, umzuziehen, gab es schon seit den 80er Jahren. George Steinbrenner, der mächtige Yankees-Besitzer, dachte gar darüber nach, das Team nach New Jersey zu verfrachten, hinaus aus der damals brandgefährlichen South Bronx.

Die ist mittlerweile zwar sicher, aber das alte Stadion entsprach einfach nicht mehr modernen Anforderungen und bot vor allem der zahlungskräftigen Kundschaft zu wenig Luxus. Das wird in der neuen Arena, die 1,3 Milliarden Dollar kosten soll, anders sein. Einige verspotten sie schon als „Fünf-Sterne-Hotel mit angeschlossenem Spielfeld“. Es wird viel Zeit ins Land gehen, ehe sie sich nur einen Hauch der Aura erworben hat, die das alte Stadion begleitete. Fans wie Lou Giordano aus Brooklyn, die die Sache nüchterner betrachten, sind da wohl in der Minderheit. Er sagt: „Das alte Spielfeld war weder in seiner Größe noch wegen seiner Architektur etwas Besonderes, und der Service war fürchterlich.“

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