Stadionhymne : Herthas Hoeneß: „Seeed? Ein guter Vorschlag“

Hertha-Fan Christian Ulmen spricht im Tagesspiegel mit Hertha-Manager Dieter Hoeneß über Fankultur und einen neuen Song für den Berliner Fußballklub

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ULMEN: Wie oft haben Sie sich in den letzten Wochen die Fans vom 1. FC Köln gewünscht oder die von St. Pauli?



HOENESS: Ja, die Kölner sind begeistert, feuern ihre Mannschaft selbst in aussichtslosen Zeiten an. Das hätten wir uns in letzter Zeit auch mal gewünscht. Allerdings würde ich den meisten Hertha-Fans Unrecht tun, wenn ich alle über einen Kamm scherte. Denn viele Fans nehmen sehr viel auf sich, um die Hertha zu unterstützen. Und zwar in jeder Situation. Dann gibt es leider auch wenige, die lauthals polemisch sind. Wenn ich höre „Die letzte Schlacht gewinnen wir“ im so genannten Kampf gegen den Vorstand, dann geht das zu weit. Das hat mit Fußball nur noch ganz wenig zu tun.

Fans berichten, ihnen seien Transparente mit kritischen Sprüchen vor dem Stadion weggenommen worden. Ein Internetforum mit Unmutsäußerungen über die Vereinsführung wurde geschlossen. Die Fans fühlen sich ihrer Meinungsfreiheit beraubt.

Niemand verbietet hier irgendjemandem, seine Meinung zu sagen. Aber ich sehe nicht ein, dass auf einer von uns finanzierten Internetseite Beleidigungen übelster Art und Drohungen gegen Hertha-Mitarbeiter sowie andersdenkende Fans verbreitet werden. Dieses Forum existiert ja weiter, nur nicht mehr auf unseren Seiten. Mit dem Einsammeln von Transparenten habe ich gar nichts zu tun. Seit jeher müssen Spruchbänder überall angemeldet werden, um zum Beispiel rassistischen Inhalten vorzubeugen. Unangemeldete Transparente werden vom Sicherheitspersonal zurückgewiesen. Im Übrigen ist es ja wirklich nicht so, dass zuletzt keine gegen meine Person gerichteten, durchaus verletzenden Transparente ihren Weg ins Stadion gefunden hätten.

Wieso hat man immer das neiderfüllte Gefühl, der FC St. Pauli habe die beseeltesten und friedlichsten Fans?

St. Pauli ist als Verein ganz anders gewachsen, ein Kultverein; der alternative Klub, so wie Freiburg oder Mainz. Den kann man mit Hertha BSC nicht vergleichen. Ich glaube, es wäre falsch gewesen, hätte man Hertha ebenfalls als den etwas anderen Verein aufbauen wollen. Unser Plan war, einen Berliner Klub aufzuziehen, der in absehbarer Zeit eine größere Rolle im deutschen Fußball spielen sollte. Beim FC St. Pauli ist das eine andere Art Fußball. Ursprünglicher. Ich war ein paar Mal da: Ganz tolle Atmosphäre, keine Frage.

Aber Sie hätten nichts gegen eine solche Atmosphäre im Olympiastadion?

Im Gegenteil! Das habe ich von Beginn an mit den Fanklubs diskutiert; wir müssen das gesamte Stadion involvieren. Da passiert noch immer viel zu wenig. Ich bin weit davon entfernt, die Fans für irgendwas verantwortlich zu machen, doch ihre Unterstützung ist leider oft an Bedingungen geknüpft. Der Berliner an sich ist wenig begeisterungsfähig und vom Hang zum Meckern geprägt. Jetzt geht es nicht darum, den Berliner zu ändern, sondern ich muss mir überlegen, wie ich mehr Leute ins Stadion bekomme. Denn wenn mehr als 50 000 drin sind, beginnt auch das Olympiastadion zu kochen.

Warum ist das bei mehr als drei Millionen Berlinern so schwierig?

Wir haben 1,4 Millionen Menschen, die in den letzten Jahren zugezogen und nicht automatisch Hertha-Fans sind. Wir haben eine ganze Fangeneration, die wir neu heranziehen müssen. Wir sind noch keine abgeschlossene Marke. Wir befinden uns noch immer im Aufbau. Unsere Fankultur ist noch im Begriff zu wachsen. Man darf dem Verein auf die Schnelle auch nichts Künstliches aufpfropfen.

Genau so wirkt aber die aktuelle „Play Berlin“-Kampagne auf mich, ehrlich gesagt: aufgesetzt.

Da stand ich nie dahinter. Es gibt offensichtlich auch Entscheidungen bei der Hertha, die ohne mein Zutun getroffen werden. Ganz ehrlich, „Play Berlin“ – dieser Slogan hat mir nie etwas gesagt, der ist viel zu gestylt und nicht aussagekräftig. Die Werbeleute haben ihn mir so erklärt: Da ist Berlin drin, da ist Spiel drin. Auf Englisch klinge das weltoffener. Der Schriftzug solle an Playmobil erinnern, um auch die Kids anzusprechen. Das waren die Überlegungen der Agentur. Nur – mich hat’s nie angesprochen. Es wäre aber auch völlig falsch gewesen, wenn ich mich mit meinem persönlichen Geschmack gewaltig dagegengestellt hätte.

Wirklich? Sie sind doch leidenschaftlich Herthaner – da ist doch Ihr persönlicher Impuls richtiger als ein Agenturentwurf, wenn es um die Präsentation Ihres Vereins geht.

Sie haben Recht, das wäre in dem Fall richtig gewesen, doch unsere Marketing-Abteilung war so Feuer und Flamme mit „Play Berlin“, dass ich mich gebeugt habe. Mein Herz hängt da am Ende nicht dran, denn so ein Slogan ist ja nur ein kleiner Baustein. Aber ich habe vor kurzem schon gesagt: Wir sollten diese Kampagne jetzt wirklich auslaufen lassen.

Toll!

Mir liegen viel mehr die Fans am Herzen, weil ich selber Fußballfan bin und nichts geiler finde als eine brodelnde Stimmung im Stadion.

Wie wäre es denn mit einer neuen Stadion- Hymne? Noch singt Frank Zander „Nur nach Hause“ zur Melodie von Rod Stewarts „Sailing“ und faucht dabei etwas von „Däumchen drücken für unsere Hertha“ und „was wollen wir denn zu Hause bei dieser Schwiegermutter“. Würde das mit dem brodelnden Olympiastadion nicht einfacher funktionieren bei einer Hymne, die, sagen wir, etwas mehr Sexappeal hat?

Wir sind seit neun Jahren auf der Suche nach so was. Es sind Versuche unternommen worden, aber der große Wurf ist noch nicht dabei gewesen. Ich finde „Nur nach Hause“ schön, denn „Sailing“ ist ein toller Song.

In Köln hat die Urkölner Folklore-Band Höhner sogar die Melodie der FC-Hymne selbst komponiert.

Ja, aber wer soll denn so was in Berlin tun?

Ich würde Seeed vorschlagen: Berlin, multikulturell, gut. Wie Ihre Mannschaft.

Ja, ein guter Vorschlag. Sage ich ganz ehrlich. Nun, damals war halt Frank Zander derjenige, der Berlin ein Stück weit vereint hat. Das wäre vielleicht Harald Juhnke noch mehr gewesen.

Und der wollte nicht?

Naja, ehrlich gesagt, ist der mir jetzt spontan eingefallen. Leider zu spät. Aus Gründen der Pietät möchte ich auch nicht weiter darüber nachdenken. Aber über Seeed können wir uns gerne mal ausführlich unterhalten mit unserer Marketing-Abteilung und Michael Preetz. Wir haben ja musikalisch schon einige Versuche unternommen. So haben wir mit Ben mal ein Lied zur Krisenzeit gemacht.

Der aber, mit Verlaub, nicht gerade zu den coolsten Berliner Künstlern gehört.

Ja, aber im Fußball will man nicht immer nur den coolen Star haben. Die Höhner sind authentisch, aber auch nicht cool.

Stimmt, aber die werden zumindest vom FC-Fan so empfunden. In England hört der Fan durchaus anspruchsvolle Popmusik. Warum mögen deutsche Fußballfans so gerne Schlager?

In England ist halt Popmusik der Schlager. Das ist im Grunde dasselbe. Ich bin musikalisch aufgeschlossen, habe zwei Söhne die sich auskennen. Eine neue Vereinshymne soll an mir nicht scheitern. Sie sind willkommen, sich da zu engagieren.

Viele 19-jährige Hertha-Fans, die nicht wissen, wer Frank Zander ist, identifizieren sich mit den neuen jungen Spielern aus Berlin – Fathi, Dejagah oder Boateng. Weil die sehr guten Fußball spielen und tolle Frisuren haben. Und dann heißt es plötzlich von Ihnen, die müssen zum „Persönlichkeitstraining“. Was ist das denn?

Wir trainieren Taktik, Technik, Schnelligkeit, Ausdauer. Und obwohl jeder den Spruch „das Spiel wird im Kopf entschieden“ kennt, passiert es selten, dass der Kopf trainiert wird. Malik Fathi braucht kein Persönlichkeitstraining. Aber wir haben eine ganze Reihe von jungen Spielern im Verein, die aus sozial schwierigen Verhältnissen kommen. Es gab Vorkommnisse in unserer Jugendarbeit, bei denen wir charakterliche Defizite festgestellt haben, die aufgearbeitet werden müssen. Es geht darum, Konfliktsituationen beherrschen zu lernen. Kevin Boateng ist zwar ein Leader unter den Nachwuchsspielern, aber stark rotgefährdet, weil er in kritischen Momenten dazu neigt, überhitzt zu reagieren. Wir wollen Charakter und Persönlichkeit trainieren, denn den Unterschied zwischen einem talentierten und einem guten Spieler macht der Kopf aus.

Braucht denn eine starke und für den Zuschauer spannende Mannschaft nicht vereinzelt Hitz- und Querköpfe?

Sehen Sie, für mich ist dieser, wie heißt der noch aus „Deutschland sucht den Superstar“ mit der schrecklichen Stimme …

Dieter Bohlen.

Nein, früher, der andere, mit der Brille …

Daniel Küblböck.

Genau! Dieser Name ist für mich das Synonym für eine Fehlentwicklung in unserer Gesellschaft, in der man wirklich nichts außer schräg sein muss. Man muss nichts können, sondern nur eine Nische besetzen. So wie diese drei türkischen Sänger derzeit. Ich glaube, dass man den Jugendlichen so die falschen Ideale aufzeigt. Eine gesellschaftliche Entwicklung wird immer im Fußball gespiegelt. Wenn wir gucken, was der deutsche Fußball inzwischen darstellt, sehe ich da dieselbe Fehlentwicklung: hin zum Drang, ein Star zu sein, weg vom Mannschaftsgeist. Ich will eine neue Orientierung schaffen, damit die Spieler wieder wissen, was Leistung ist. Nicht nach zwei Spielen und drei Zeitungsüberschriften denken, sie hätten es geschafft. Und dass man Respekt hat vor jemandem, der 200 Bundesligaspiele gespielt hat zum Beispiel. Keinesfalls Ehrfurcht! Aber Respekt.

Overath und Beckenbauer waren angeblich auch vorlaute Einzelgänger und Dickköpfe innerhalb ihrer Mannschaften – und die wurden sogar Weltmeister.

Schauen Sie, selbst in der damaligen Nationalmannschaft musste sich ein Overath gegen einen Netzer durchsetzen, weil nur gespielt hat, wer am besten in der Lage war, als Teamspieler aufzutreten. Beckenbauers Stellung ist unbestritten eine besondere gewesen, aber auch bei ihm stand der Erfolg der Mannschaft im Vordergrund, nicht der persönliche Erfolg. Das versuche ich unseren jungen Spielern zu vermitteln. Denn die Verlockungen sind groß, sich ganz dem Ego hinzugeben: Wenn ich überall auf der Gästeliste stehe, an den langen Schlangen vor der Disco vorbeigewunken werde, unglaublich viel Geld verdiene, dann klopfen mir natürlich meine Kumpels auf die Schulter, weil die sonst nie auf der Gästeliste stehen. Solche zweifelhaften Gesten der Anerkennung lassen schon mal vergessen, dass morgen früh wieder Mannschaftstraining ist.

Wäre es nicht eine schöne Geste respektvoller Vereins- und Fankultur gewesen, Nando Rafael ein kleines Stelldichein als Abschiedsgruß im Stadion zu widmen, bevor er Hertha BSC vor kurzem verließ?

Nando haben wir mit 18 Jahren aus Amsterdam geholt. Ein unglaublich viel versprechender Stürmer – und plötzlich entwickelt sich da nichts weiter. Wir haben viele Gespräche geführt. Aber er war nicht mehr erreichbar. Ich habe um ihn gekämpft. Ich wollte mit ihm verlängern, weil ich an sein Talent glaube. Doch er hat sich entschlossen, zu gehen. Nach Gladbach. Eine Entscheidung, die ich nicht verstehen kann. Gladbach liegt seit Jahren sportlich hinter uns. Ich habe zu Nando gesagt: Wenn du dich nicht änderst, dann bringt es auch nichts, wenn du wechselst. Und wenn du dein sportliches Verhalten änderst, dann kannst du dich auch hier bei uns durchsetzen. Er war hingegen der Meinung, eine Luftveränderung tue ihm gut. Wir überlegten darauf: Bringt es uns was, ihn für sechs Monate zu behalten, wenn er im Kopf schon bei einem anderen Verein ist? Nein. So kam es zum Tausch mit Sverkos. Ein Abschiedsfest ist jedenfalls nicht das Bedürfnis eines Spielers, der weg will. Wenn er mal Berlin besucht, wird er mit offenen Armen empfangen, das ist klar.

Werden Sie auch so wehmütig wie ich, wenn Sie ihn im Gladbach-Trikot sehen?

Nun gut, da bin ich natürlich zu lange im Geschäft, als dass ich nicht wüsste, dass der Wechsel zum System gehört. Diese Fluktuation ist normal.

Und mir ist dieser Teil des Systems noch immer nicht geheuer. Ich will, dass der Spieler genauso Fan ist wie ich. Denn wen feuere ich denn da an mit der Hertha-Fahne? Eine sich ständig erneuernde Masse aus Athleten und Trainern oder die Beständigkeit des Vereinslogos oder Sie?

Das, was die Mannschaft und der Verein insgesamt darstellen. Eine sportliche Größe vor einer bewegten Vergangenheit. Wir haben bis auf ein Jahr immer unser Saisonziel erreicht oder übertroffen. Hertha steht für Berlin. Wir haben damals sehr viele Berliner in den Verein geholt. Früher spielte Ziege da, Litti und Häßler dort, nur keiner in Berlin, wo sie herkamen. Es gab eine regelrechte Berlin-Flucht der großen Talente. Diese Entwicklung haben wir gestoppt. Die Berliner spielen wieder in Berlin, und weil sie das zum Teil seit ihrer Kindheit beim Hertha-Nachwuchs tun, fällt es ihnen leicht, sich mit dem Verein zu identifizieren. Die sind dann auch richtige Hertha-Fans.

Müsste man Marcelinho nicht wieder öfter zum Feiern schicken dieser Tage?

Das habe ich mir auch schon gedacht. Ich habe ja auch nichts dagegen, wenn ein Spieler mal alle fünfe gerade sein lässt.

Ach.

Man muss natürlich seine Grenze finden. Zu viel Alkohol ist nicht gut. Zu wenig Schlaf auch nicht.

Oder Rauchen.

Ich habe selbst geraucht als Spieler, in Maßen. Nicht während des Spiels, aber anschließend im Entmüdungsbecken. Das hat meiner Leistung keinen Abbruch getan, ehrlich gesagt. Man muss das vernünftig einordnen können. Wie alles im Leben.

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