Sport : Stadt der Baustellen

Vancouver macht für Olympia 2010 alles neu – und will die Bauten dann nachhaltig nutzen

Lars von Törne[Vancouver]

Der Blick aus dem zwölften Stock des Rathauses von Vancouver erinnert an Berlin in der Mitte der 90er Jahre. Die Hauptverkehrsstraße vor dem Rathaus ist zur Hälfte aufgerissen, darunter klafft eine tiefe, mehrere Kilometer lange Baugrube, in der große Betonrohre einer unterirdischen Schnellbahnstrecke die Form geben, die künftig den Flughafen und die Innenstadt verbinden soll. Quer durch die Zwei-Millionen-Metropole erstreckt sich diese Baustelle, gesäumt von Dutzenden anderen Großbaustellen für Tagungszentren, Geschäftsgebäude, Hochhäuser und Stadien.

Vancouver und die umgebende Region erleben derzeit einen Bauboom, wie er sogar für die seit Jahren mit wirtschaftlichem Wachstum gesegnete Stadt außergewöhnlich ist. Um fit für die Olympischen Winterspiele 2010 zu sein, werden auf einer Strecke von rund 100 Kilometern entlang Kanadas Westküste derzeit nicht nur neue Sportstätten gebaut und bestehende Stadien renoviert. Vancouver und auch das Wintersportgebiet Whistler nutzen den erhofften Schwung der Spiele, um zahlreiche andere Bauvorhaben zu vollenden, die erst durch die Olympiapläne ausreichend Unterstützung und Geld bekamen.

„Die Spiele sind ein starker Katalysator und beschleunigen viele Projekte, die schon lange geplant waren, aber jetzt erst den nötigen Antrieb bekommen haben“, sagt Paul Henderson, der Olympiabeauftragte der Stadt. Neben Vancouver investieren die Provinz British Columbia, die kanadische Regierung und das Nationale Olympische Komitee dreistellige Millionensummen in den Ausbau der Stadt und der Region. Die genauen Kosten sind schwer zu ermitteln, da Geld aus vielen Töpfen für viele Projekte zusammenfließt, die nicht immer ausschließlich mit den Olympischen Spielen zu tun haben, wie Stadtplaner Henderson sagt.

Das sichtbarste Beispiel ist die Schnellzugverbindung, deren Baustellen derzeit größere Teile der Innenstadt Vancouvers für Autos unpassierbar machen und zu täglichen Staus führen. Die voraussichtlich im kommenden Jahr fertig gestellte „Canada Line“ soll 2010 die Olympiagäste – und auch alle anderen Besucher der Stadt – in 20 Minuten vom Flughafen zur Innenstadt bringen.

Auf eine andere herausragende Baustelle weist Olympiaplaner Henderson vom zwölften Stock des Rathauses aus hin: Das olympische Dorf, eine Hochhaussiedlung mit rund 1100 Wohnungen direkt am Ufer des False Creek – der durch die City fließt – und mit Panoramablick auf die Berge. Es ist eine der begehrtesten Wohnlagen der Innenstadt Vancouvers, die die Stadt aber lange brachliegen ließ. „Das Gebiet wollten wir seit 20 Jahren entwickeln, aber erst jetzt kommen wir dank der Olympischen Spiele dazu“, sagt Henderson. In der Ferne sind 15 Kräne zu erkennen, die sich auf dem ein Quadratkilometer großen Areal drehen.

Bei diesen Bauten – wie auch bei allen neuen oder ausgebauten Sportstätten – ist Olympia die treibende Kraft, aber nicht der einzige Zweck, wie die Stadtverantwortlichen betonen. „Das olympische Dorf wird später zum Teil in exklusive Eigentumswohnungen umgewandelt, zum Teil in staatlich geförderten Wohnraum für arme Familien“, sagt Henderson. Etwa ein Viertel der Wohnungen ist sozial bedürftigen Mietern vorbehalten, so habe es die Stadt den privaten Investoren vorgeschrieben, die das Projekt entwickeln. Der Bedarf ist offensichtlich, wie man beim Rundgang durch die Innenstadt sieht: Große Gruppen von oft nur mit Fetzen bekleideten Wohnungslosen, die meisten mit offensichtlichen Drogenproblemen, prägen das Bild der Innenstadt Vancouvers in einigen Vierteln mehr, als den Tourismuswerbern lieb ist.

Soziale Gesichtspunkte spielen auch beim Neu- und Ausbau der Sportstätten für 2010 eine große Rolle: Die meisten Hallen und Stadien seien so konstruiert, dass sie nach den Spielen für die lokalen Eishockeyvereine, für Basketball oder andere Breitensportarten von Anwohnern genutzt werden können, sagt Henderson.

Auch die Hoffnungen für den Tourismus im Zentrum Vancouvers sind groß. Hunderttausende Besucher von außerhalb Kanadas werden alleine während der Spiele erwartet, der langfristige Werbeeffekt soll ein Vielfaches an Gästen bringen, hoffen die Tourismusplaner. Darauf stellen sich auch die Hoteliers ein. „Die Spiele sind ein Motor für viele seit langem geplante Ausbauten und Renovierungen bei Hotels“, sagt Wendy Underwood von der Tourismusbehörde Vancouvers. Zusätzlich wachsen derzeit fünf große Hotels in den Himmel über der Küstenstadt. „Wir hoffen, dass die Spiele unser Profil als Reiseziel stärken, damit wir nicht mehr nur als Tor zu den Rocky Mountains wahrgenommen werden“, sagt Underwood. Die Tourismuswerber wollen zeigen, dass Vancouver ein lohnendes Ziel für sich ist und auch im Winter einiges zu bieten hat: Von den hochkarätigen Museen der Stadt bis hin zu den Wintersportgebieten, deren erste Hügel nur 20 Autominuten von der Innenstadt entfernt sind.

„Zu Wasser, zu Land und in der Luft gedeihen wir“ ist das Motto Vancouvers. So steht es im Stadtwappen, und im Rathausfahrstuhl findet man den Spruch in kupfernen Lettern an der Tür. Das könnte auch als Motto über den Vorbereitungen für 2010 stehen.

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