Sport : Standortnachteil Heimvorteil

Stefan Hermanns

über die gefährliche Euphorie der deutschen Fußballfans Seit knapp einem Jahr befehligt Jürgen Klinsmann die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, und es ist erstaunlich, dass ein knappes Jahr ausreicht, um einen Paradigmenwechsel herbeizuführen. Offenbar kann der deutsche Fußball doch nicht nur defensiv. Im Zweifel spielt die Nationalmannschaft jetzt nach vorne. Ein weiteres knappes Jahr bleibt Klinsmann jetzt noch bis zur Weltmeisterschaft. Zeit genug also, um das neue Design zu verfeinern. Zeit genug aber auch, um den ganzen Prozess wieder umzukehren, um die Mannschaft wieder ein bisschen weniger schweinsteigerisch auszurichten, dafür etwas hamanniger. Nach dem 4:3-Sieg gegen Australien kann man nicht ernsthaft behaupten, dass irgendetwas in diese Richtung deutet. Einiges aber spricht dafür. Wer so wagemutig, fast übermütig spielt wie die Deutschen gegen Australien, kann alles werden, aber ganz sicher nicht Weltmeister.

Es wird interessant zu sehen sein, wie der Bundestrainer sich in dieser komplizierten Gemengelage bewegen wird. Klinsmann hat die Erwartungen des Fußballvolkes aufgenommen („Wir wollen Weltmeister werden“) und daraus einen stimmigen Stil abgeleitet. Allerdings hat er mit dem Lob der Offensive die Erwartungen in noch höhere Höhen getrieben.

Keine Mannschaft kann 90 Minuten nur nach vorne spielen. Doch genau das scheinen die deutschen Zuschauer inzwischen zu verlangen. Beim leichtesten Hauch von Standfußball fängt das Publikum an zu murren. Es ist Klinsmanns Verdienst, dass die Deutschen sich nun auch am schönen Spiel ergötzen können. Zugleich aber sind sie weiterhin traditionell erfolgsfixiert. Als es gegen Australien zur Pause nur 2:2 stand, pfiff ein Teil des Publikums. Es ist vermessen, von der deutschen Nationalmannschaft ausschließlich schönen und erfolgreichen Fußball zu erwarten. Aber Fußballfans neigen nun mal zur Vermessenheit.

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