Sport : Star für eine Woche

Bei der Schwimm-WM degradiert Michael Phelps die Konkurrenz – doch in seiner Heimat kennt den Amerikaner keiner

Frank Bachner

Barcelona. Michael Phelps kritzelte etwas auf ein Blatt Papier. Er war gerade nicht dran, der Mann neben ihm auf dem Podium sollte reden. Er sollte sagen, was er von Michael Phelps hält. Ein Journalist hatte ihn bei der Pressekonferenz bei der Schwimm-WM in Barcelona dazu aufgefordert, in einem Ton, als solle ein Schüler über sein großes Vorbild reden. Ian Thorpe holte Luft. „Michael ist ein unglaubliches Talent“, sagte der Australier, „am meisten beeindruckt mich, was er aus seinem Talent macht.“

Vermutlich dokumentiert keine Szene deutlicher den Stellenwert von Michael Phelps. Ian Thorpe, der Superstar der Schwimmer, dreimaliger Olympiasieger, sechsmaliger Weltmeister, degradiert zum Stichwortgeber. Die Rollenverteilung ist so etwas wie ein Ausrufezeichen hinter den ganzen Zahlen zu Phelps. Fünf Weltrekorde in den letzten zehn Rennen, zwei Weltrekorde bei der WM innerhalb von 45 Minuten (100 m Schmetterling, 200 m Lagen), zwei WM-Titel bisher bei der WM, den erwarteten dritten verpasste er gestern knapp, als er über 100 m Schmetterling hinter seinem Landsmann Ian Crocker nur Zweiter wurde. Den Weltrekord über 200 m Lagen verbesserte der US-Amerikaner am Freitagabend um sensationelle 1,9 Sekunden, nicht mal eine Stunde nach der Schmetterling-Bestmarke. Auf der Lagenstrecke nahm er Thorpe, dem Zweiten, 3,62 Sekunden ab. Anschließend musste Thorpe den US-Amerikaner loben, während Phelps kritzelte.

Phelps ist ein schlaksiger Teenager, 1,87 m groß, 18 Jahre alt, vor ein paar Tagen erst von der Towswon Highschool in Baltimore/Maryland abgegangen. Er hat ein kantiges Kinn, hört vor Rennen die Musik des Rappers Eminem, blickt verlegen in die Runde, als er Mineralwasser verschüttet, und hat dieses Sunnyboy-Grinsen. Ein lockerer Typ eben. Irgendwie doch noch ein Mensch. Es ist wichtig, das zu wissen. In Barcelona reden sie nämlich von ihm, als käme er von einem anderen Stern. „Ich bin schon lange im Sport, aber ich habe noch nie so jemanden gesehen wie ihn", brüllte Rowdy Gaines ins Mikrofon des US-TV-Sender ESPN. Gaines war selber mal Weltklasseschwimmer, Olympiasieger 1984 über 100 m Freistil.

„So einer kommt vom Himmel zu uns herunter. Er ist perfekt, ich wüsste nicht, was ich ihm noch beibringen sollte“, sagt Ralf Beckmann, der deutsche Bundestrainer. „Es hat noch nie einen Weltklasseschwimmer gegeben, der alle vier Stilarten, Brust, Rücken, Delphin und Freistil, perfekt beherrscht. Bis Michael Phelps kam.“ Noch nie hat Beckmann einen Schwimmer gesehen, der im Wasser seine Kraft so optimal dosiert. Mit 15 war der Amerikaner schon Weltmeister über 200 m Schmetterling, aber damals, bei der WM 2001, gewann der zwei Jahre ältere Thorpe fünf WM-Titel.

Thorpe ist immer noch ein Star. Vor allem zu Hause, in Australien. Dort ist er der populärste Sportler des Landes, ausgestattet mit Millionen-Verträgen. Michael Phelps hingegen ist in seinem Heimatland USA bis jetzt ein Niemand. „Wenn er durch Baltimore geht, erkennt ihn keiner“, sagt Paul McMullen von der „Baltimore Sun“, Phelps’ Heimatblatt. In Baltimore haben sie ein berühmtes Football- und ein Baseball-Team, Schwimmen läuft als Randsportart. In den USA interessiert Schwimmen kaum einen Sportfan. Schwimmen auf der Rangliste der beliebtesten Sportarten? McMullen senkt den Daumen. „Unten, ganz weit unten“, sagt er. Brian Cazeneuve vom US-Fachmagazin „Sports Illustrated“ schreibt in Barcelona den dritten Artikel über Schwimmen in diesem Jahr. „Es wird wahrscheinlich auch der letzte sein.“

Nur bei Olympischen Spielen registrieren die US-Fans die Namen diverser Top- Schwimmer. In den USA sind sie fixiert auf die Olympischen Spiele. Deshalb erinnern sich ein paar Fans auch dunkel an Mark Spitz. Der holte 1972 sieben Gold-Medaillen. Schwimmen hat gegen Football, Baseball oder Basketball keine Chance. „Beim Schwimmen kann man nicht über Schiedsrichterentscheidungen streiten, das gefällt den US-Fans nicht“, sagt McMullen.

Aber immerhin sendet der US-Sportsender ESPN aus Barcelona. Weltmeisterschaften waren bisher meist zu uninteressant. Und NBC wird dafür sorgen, dass Phelps schon vor Olympia bekannter wird als bisher. NBC besitzt die Übertragungsrechte, und Phelps ist einer der Stars, mit denen der TV-Sender für die Spiele werben will. Als Phelps seinen Highschool-Abschluss feierte, trug er bei der Schulfete eine kleine, drahtlose Kamera an seinem Hemd. NBC hatte sie ihm angeklemmt, die Aufnahmen werden in einen Olympia-Werbespot geschnitten.

Noch überweist ihm nur der Ausrüster Speedo Geld. Andere Teenager erhalten Millionensummen. Carmelo Anthony von der Towson Catholic Highschool etwa oder Ivan Dixon von der Calvert Hall High School. Beide Schulen sind zwei Kilometer von Phelps’ Schule entfernt. Anthony und Dixon spielen Basketball, sie haben den Sprung in die NBA geschafft. Sie sind Medienstars in Baltimore. Aber es gibt Trost für Phelps. Vor kurzem flanierte ein Superstar des Sports durch New York, kein Mensch beachtete ihn. Wahrscheinlich erkannte ihn niemand. Ian Thorpe konnte ungestört shoppen.

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