Sport : Stark, aber torlos

Die deutsche Nationalmannschaft erreicht nach einem überzeugenden Spiel in Frankreich ein 0:0

Michael Rosentritt[Paris]

Dreieinhalb Monate muss nun gewartet werden. So lange wird die deutsche Nationalmannschaft keine weiteren Erkenntnisse über ihren Leistungsstand liefern. Erst am 1. März 2006 wird Bundestrainer Jürgen Klinsmann sein Team zum nächsten Testspiel gegen Italien versammeln, ein Zeitpunkt, zu dem die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland bereits verheißungsvoll nahe gerückt sein wird. Bis dahin bleibt der ansprechende Eindruck, den das deutsche Team gestern Abend beim 0:0 im Testspiel gegen Frankreich im Stade de France hinterlassen hat. Es kann gegen eine prominente Mannschaften mithalten. Gewinnen aber kann Klinsmanns Team diese Spiele weiterhin nicht. Vielleicht noch nicht.

Für den Bundestrainer ging es darum, den schlechten Eindruck verblassen zu lassen, den seine Mannschaft zuvor in den Länderspielen gegen China (1:0) und in der Türkei (1:2) hinterlassen hatte. Sogar ein klärendes Gespräch mit seinen schärfsten Kritikern aus der Bundesliga hatte der ehemalige Stürmer danach über sich ergehen lassen müssen. Nun bot Klinsmann in Frankreich zunächst statt Bastian Schweinsteiger vom FC Bayern München den erfahreneren Leverkusener Bernd Schneider auf. Eine Maßnahme, die auch Fernsehkommentator Franz Beckenbauer absegnete. „Mit der Mannschaft kann man spielen“, befand er.

Die Mannschaft, die erstmals in den neuen WM-Trikots spielte, startete passabel. Zwar zog sie sich von Beginn an in die eigene Hälfte zurück, doch die erste Chance gehörte dem deutschen Team. Bei einem Konter hatte sich auf der rechten Seite Sebastian Deisler durchgesetzt, sein Pass gelangte abgefälscht zu Lukas Podolski. Der Stürmer, der beim 1.FC Köln seit sieben Spielen nur einmal per Elfmeter getroffen hat, drosch den Ball volley mit links auf das französische Tor – und verfehlte es nur knapp.

Die Franzosen, die auf ihren verletzten Star Zinedine Zidane verzichten mussten, sind unter ihrem Nationaltrainer Raymond Domenech ungeschlagen. Trotzdem fehlt der Glanz früherer Tage, weshalb Domenech in seinem Heimatland nicht unumstritten ist. Sein Team hatte auch gegen die deutsche Abwehr Schwierigkeiten, das Spiel zu machen. Nur eine einzige Chance konnten sich die Franzosen in der ersten Halbzeit erspielen. Thierry Henry vom FC Arsenal nahm im Strafraum den Ball an, drehte sich um die eigene Achse – auch dank des deutschen Nationalspielers Per Mertesacker, der respektvoll Abstand hielt. Sein Schuss strich knapp am Tor vorbei. Von dieser Chance abgesehen bekam Torwart Jens Lehmann keine Gelegenheit sich auszuzeichnen. Das aber wäre wichtig gewesen für ihn, um sich im Kampf mit Oliver Kahn als Nummer eins im Tor zu empfehlen. Dafür dirigierte Lehmann seine junge Innenverteidigung lautstark und legte sich in einer Szene sogar mit Mannschaftskapitän Michael Ballack an.

Empfehlen konnte sich immerhin Sebastian Deisler, der im rechten Mittelfeld einige gefährliche Vorstöße einleitete. Doch kurz vor der Pause musste er nach William Gallas’ hässlichem Tritt ausgewechselt werden. „Er hat eine Risswunde auf dem Spann und muss mit sechs oder sieben Stichen genäht werden“, sagte Kotrainer Joachim Löw. Für Deisler kam Schweinsteiger in der zweiten Halbzeit ins Spiel.

Der Mittelfeldspieler aus Oberaudorf führte sich auf der linken Seite sofort gut ein. Erst strich ein Freistoß nur knapp am französischen Tor vorbei. Dann nahm er einen perfekten Pass von Michael Ballack an und tauchte alleine vor Torwart Gregory Coupet auf, der den Ball gerade noch mit dem Knie abwehren konnte. Die deutsche Mannschaft bekam das Spiel immer besser in den Griff. Der Wechsel von Thorsten Frings auf die rechte Mittelfeldseite nach Schweinsteigers Einwechslung wirkte sich belebend aus. Auch Michael Ballack, der mit einer leichten Oberschenkelverletzung spielte, kam noch zu seiner Chance, doch sein Kopfball strich knapp über das französischen Tor.

Als die Franzosen gegen Ende wieder stärker aufkamen, bekam der eingewechselte Kevin Kuranyi noch eine Möglichkeit, sich im Sturm zu empfehlen. Eine bedeutsame Chance bekam er nicht mehr. Er muss es nun wie alle anderen machen: Auf das nächsten Jahr warten.

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