Sport : Stark im Kopf

Der Turner Ronny Ziesmer hat sich trotz seiner Lähmung viel vorgenommen

Friedhard Teuffel

Berlin - Fünf Minuten. So lange lag Ronny Ziesmer auf der Matte und überlegte, was jetzt kommt. Schon nach dem Absprung in der Luft war ihm durch den Kopf geschossen, dass er nicht auf den Füßen landen würde. Auf der Matte merkte er, dass er seine Beine nicht mehr bewegen kann. Fünf Minuten dauerte es, bis sich Ziesmer mit seinem Schicksal abgefunden hatte. So erzählt er es. „Dann habe ich den Hebel umgelegt.“

Es klingt so einfach, aber Ziesmer lässt keinen Zweifel daran. Er wollte sein neues Leben gleich annehmen. „Es bringt nichts, in die Vergangenheit zu schauen.“ Der 25 Jahre alte Cottbuser kann die Übung nicht mehr korrigieren, die er am 12. Juli am Sprungtisch geturnt hat. Nach dem Sprung im Trainingszentrum Kienbaum landete er mit dem Nacken auf der Matte und brach sich das Rückgrat zwischen dem fünften und sechsten Halswirbel. Ein Rettungshubschrauber brachte ihn ins Unfallkrankenhaus Berlin. Die Ärzte teilten ihm mit, dass er querschnittsgelähmt ist.

Über sein neues Leben hat Ziesmer am Montag im Unfallkrankenhaus zum ersten Mal vor einer großen Öffentlichkeit gesprochen. Es ist eine leichte Übung für ihn. Er spricht mit fester Stimme, und manchmal gönnt er sich sogar etwas Selbstironie: „Ich bin ja nicht auf den Kopf gefallen, ha ha.“ Der Termin ist schon eine kleine Probe für den nächsten großen Auftritt: Am 4. Dezember findet in Berlin in der Max-Schmeling-Halle eine Gala für ihn statt. Der Erlös kommt Ziesmer zugute. „Wer weiß, was zu Hause noch umgebaut werden muss. Für mich gibt es nichts mehr von der Stange.“

Ziesmer hat seinen Beruf verloren. Er ist kein Leistungssportler mehr. In seinen Fingern spürt er nichts mehr, es ist ein fernes Ziel, wieder schreiben zu können. Als er etwas Mineralwasser trinken will, wirft er einen Strohhalm mit steifen Bewegungen in das Glas und beugt sich zum Trinken herunter.

Andererseits ist Ziesmer auch Leistungssportler geblieben. Er hat die guten Eigenschaften seines Berufs mitgenommen in sein neues Leben. Den Ehrgeiz etwa: „Ich will ein selbstständiges Leben und einen Haushalt führen können.“

Die Ärzte loben Ziesmer so, wie sie vor zwei Jahren den Rennfahrer Alex Zanardi gelobt haben, dem sie nach einem Unfall auf dem Lausitzring beide Beine abnehmen mussten. „Ronny Ziesmer ist höchst motiviert und diszipliniert“, sagt Walter Schaffartzik, der Ärztliche Leiter des Krankenhauses und der Chefarzt des Zentrums für Rückenmarksverletzte Andreas Niedeggen sagt: „Er wird sicher ein erfülltes Leben führen können. Das liegt weniger an uns als an ihm.“

Sein neuer Tagesablauf erinnert Ziesmer an frühere Trainingstage. Drei Therapieeinheiten warten auf ihn. Er arbeitet daran, seine Unterarme und Hände wieder strecken zu können. Ziesmer übt auch Bogenschießen und Rollstuhlfahren. Der Sport ist weiterhin wichtig, „mit dem Sport kann ich den Alltag besser bewältigen. Als Sportler kann man in seinen Körper unglaublich gut hineinhören“. Vielleicht nimmt er sich später die Paralympics vor.

Überhaupt hat er viel vor, studieren zum Beispiel. Ziesmer möchte eine Stiftung gründen für in Not geratene Turner. Da will er sich selbst einbringen und deshalb werde er wohl Wirtschaftswissenschaften studieren. „Ich erfahre gerade selbst so viel Solidarität aus der ganzen Welt, aus Japan, aus Amerika. Da zeigt sich, warum wir eine Turnfamilie sind.“ Er hat keine Angst vor dem Loch, das auf ihn warten könnte, wenn er im März die Klinik verlässt und sich unter lauter Gesunden bewegt. „Ich habe noch keine depressive Phase durchgemacht. Ich habe bei Olympia alles anschauen können – auch alle Sprünge.“ Ronny Ziesmer will sich an das halten, was er fünf Minuten nach seinem Sturz beschlossen hat.

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