Sport : Starke Brise aus den Alpen

Das Schweizer Alinghi-Team segelt mit dem Berliner Jochen Schümann ins Finale um den America’s Cup

Ingo Petz

Auckland. Jochen Schümann steht auf der Bühne im Becken des Viaduct-Hafens. Das braungebrannte Gesicht des 48-Jährigen ist von einer Mischung aus Champagner und Salzwasser überzogen. Das muss gewaltig brennen in den Augen. Dennoch lacht Schümann. Schließlich hat er soeben mit seiner Crew auf der Yacht Alinghi den Louis Vuitton Cup gewonnen, der zur Teilnahme am America’s Cup berechtigt, dem wichtigsten Segel-Wettbewerb der Welt.

„Ja, ja, ja“, schreit Schümann. „Ja, ja, ja“, schreien seine Kollegen, die Neuseeländer Dave Butterworth, Russell Coutts und der Schweizer Ernesto Bertarelli, dem die Yacht Alinghi gehört, auf der sie alle segeln. Lediglich der Bootsbauer von Alinghi, der Hamburger Rolf Vrolijk, lehnt ruhig am Bootsmast, nur kurz zuckt ein Lächeln über sein rundes Gesicht. Vermutlich ist er vom Anblick überwältigt. Die Sonne verschwindet langsam im Hafenbecken, in dem Zehntausende den neuen Sieger des Louis Vuitton Cup empfangen. Yachten und Motorboote stehen Spalier, Sektkorken knallen, Kuhglocken bimmeln.

Die Schweiz ist für diesen Augenblick das Zentrum Europas. Denn als erstes Land ohne Küste hat das Alpenland den Louis Vuitton Cup gewonnen. 5:1 gewann Alinghi im Finale gegen Oracle BMW Racing. Und der Berliner Jochen Schümann, Ehrenmitglied des Yachtclubs Grünau, ist der erste Deutsche, der um die wichtigste Silberkanne in der Segelwelt, den America’s Cup, segeln darf.

„Jetzt wollen wir noch mehr“, sagt Schümann. Ab dem 15. Februar geht es für Alinghi gegen das Team Neuseeland. Die beiden Yachten werden um den 31. America’s Cup segeln, wer zuerst fünf Wettfahrten gewinnt, ist der Sieger. Und es wird ermittelt, ob die Schweiz den America’s Cup erstmals seit 151 Jahren wieder nach Europa holt. Und ob Neuseeland den Pokal nach 1995 und 2000 nun ausgerechnet an den verliert, der ihn für das Land zweimal gewonnen hat – den weltbesten Steuermann Russell Coutts. Er schlug vor zwei Jahren den italienischen Louis-Vuitton-Cup-Gewinner von Prada mit 5:0.

Schümann liegt sich mit seinen Kollegen in den Armen. Für ihn geht jetzt schon ein Traum in Erfüllung. Nicht sein Kindheitstraum zwar, denn „der hatte nichts mit der Segelei zu tun“, aber ein sportlicher. Der silberne Pokal macht die Runde und kommt an niemandem vorbei, ohne geküsst zu werden. Zwischendurch noch ein Interview für die ARD, die mit Schümann auch ihr Interesse am Segelsport entdeckt hat. „Wurde auch langsam Zeit“, sagt Schümann dem Reporter auf die Frage, wie er es denn finde, dass man nun auch vom Segeln berichte. Keine Frage, es ist die Stunde des Siegers.

Dabei hatte es im sechsten Rennen nicht immer so ausgesehen. Das US-Team von Oracle BMW hatte zwischenzeitlich sogar mit 55 Sekunden geführt. Schümann und seine Crew hatten alle Hände voll zu tun, die schnellen Kontrahenten immer wieder einzuholen und auf Distanz zu halten. Selbst kurz vor Ende versuchte es Oracle noch einmal, scheiterte aber an der schwächeren Brise. So konnte sich Schümann erst gegen 18.10 Uhr lässig an die linke Bordwand lehnen, die Skyline Aucklands im Visier. Der Gegner war endgültig geschlagen und schipperte mit 2:34 Minuten Rückstand auf Alinghi ins Ziel.

„Das war ein hartes Rennen“, sagte Oracle-Eigner Larry Ellison nach dem Rennen. Das fand Schümann auch. „Oracle war ein absolut ebenbürtiger Gegner.“ Aber der Teufel liege halt im Detail in der Formel 1 des Segelsports, sagt Schümann gern. Alinghi ist der Meister des Details. „Das ist wie eine feine Schweizer Uhr“, sagte der geschlagene Ellison. Und Schümann ist der Uhrmacher. Als Sportdirektor ist er wesentlich am Erfolg des Schweizer Teams beteiligt, er ist der Organisator und Kommunikator: penibel, pünktlich und professionell.

Nur für kurze Momente weicht die Professionalität aus Schümann, wie jetzt im Viaduct-Hafen. Die Sonne ist fast untergegangen, und Schümann strauchelt im Wasser. Ein Kollege hat ihm ein Jubel-Bad verordnet. Doch kaum getrocknet, hat er sich schon wieder gefasst. „Die wollen morgen früh trainieren“, erzählt ein Schweizer Journalist. Er habe das von einem verstörten Alinghi-Segler gehört, der eigentlich feiern wollte. „Das soll Schümann angeordnet haben.“

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